Was immer „68“ auch gewesen sein mag - seit einiger Zeit lassen sich gesteigerte Bemühungen verzeichnen, die intellektuelle Unruhe der späten 1960er-Jahre in die Geschichte des 20. Jahrhunderts einzuordnen und zugleich die politisch wie normativ aufgeladenen Bewertungsmaßstäbe der Vergangenheit zu vermeiden. Mit fortschreitender zeitlicher Distanz ergeben sich so neue Möglichkeiten der historischen Kontextualisierung, die gerade mit Blick auf die deutsche Intellektuellengeschichte vielversprechend erscheinen. Denn aus dieser Sicht wird schnell deutlich, dass „68“ keineswegs ein von den hergebrachten intellektuellen Traditionen isoliertes Phänomen darstellt, sondern dass hier zahlreiche Verbindungslinien zu verzeichnen sind, welche die vermeintliche Eindeutigkeit der politisch-ideologischen Selbst- und Fremdzuschreibungen nachhaltig in Frage stellen.1
Die bisherige Forschung hat dazu erste Ansätze geliefert und etwa anhand von Johannes Agnoli oder Horst Mahler die Persistenz bestimmter habitueller und intellektueller Muster in der Oszillation zwischen den politischen Gegensätzen dargestellt.2 Der vorliegende Beitrag soll das Themenfeld in eine ähnliche Richtung erweitern, indem nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen dem rechtsintellektuellen Spektrum der späten 1920er- und dem linksintellektuellen Spektrum der späten 1960er-Jahre gefragt wird. Dazu werden die mit den Schlagworten „Konservative Revolution“ und „Neue Linke“ belegten Intellektuellengruppen in den Blick genommen. Bei beiden Formationen handelt es sich um Oberbegriffe für vielfach aufgefächerte, vornehmlich politisch-intellektuelle Bewegungen und Bewegtheiten und weniger um die Bezeichnungen stringent abgrenzbarer ideengeschichtlicher Richtungen. Bereits diese innere Heterogenität macht jeden Vergleich unsicher. Hinzu kommt das Problem, dass die diachrone Konfrontation angesichts der Verschiedenartigkeit der Zeitumstände grundsätzlich anfechtbar ist. Daher werden beide Strömungen hier zunächst nur in einem losen Sinne als intellektuelle Such- und Orientierungsbewegungen begriffen. Es geht also weniger um den systematischen Vergleich einzelner politisch-theoretischer Positionen, sondern vielmehr um solche Ähnlichkeiten und Analogien in den Verhaltensstilen, Denkfiguren und argumentativen Grundmustern, die sonst getrennt voneinander betrachtet werden.
Als Untersuchungsschwerpunkt wird die Faszination beider Bewegungen für - reale oder auch nur imaginierte - Erscheinungsformen revolutionärer Gewalt herausgegriffen. Denn bereits ein erster Blick zeigt, dass in beiden Fällen eine extensive Wendezeiten- und Revolutionsrhetorik wie auch die Erwartung einer herannahenden Entscheidungssituation vorherrschten. Gewalt wurde vielfach als Handlungsoption in das intellektuelle Kalkül einbezogen, weshalb sich Konservative Revolution und Neue Linke auch immer wieder vorhalten lassen mussten, als geistige Brandstifter den Weg für eine reale Gewaltausübung bereitet zu haben - so wenig sich NS-Diktatur und linksextremistischer Terrorismus der 1970er-Jahre gleichsetzen lassen. Dieser Vorwurf einer gedanklich-rhetorischen Mittäterschaft verweist zugleich auf die Bedeutungsvielfalt des Gewaltbegriffs, der hier in einem weiten und einer Intellektuellengeschichte angemessenen Sinn verstanden werden soll: Im Mittelpunkt steht die gedanklich-rhetorische Proklamation, Legitimation und Rationalisierung von Gewalt, die anhand ausgewählter Protagonisten untersucht werden soll. Der Beitrag beschränkt sich auf einige kursorische Einsichten und möchte vor allem zu einer weiteren Diskussion intellektueller Denkstile und Verhaltensmöglichkeiten im 20. Jahrhundert anregen.
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1. Tatrhetorik und Attentismus: Zur Gewaltfaszination der Konservativen Revolution
Die so genannte Konservative Revolution gehörte fraglos zum inneren Kern des rechtsintellektuellen Feldes der Weimarer Republik. In der Forschung wird dabei die Auffassung vertreten, dass es sich um eine nur unscharf eingrenzbare Strömung gehandelt habe, die wesentlich zur Diskreditierung der Demokratie beigetragen habe, ohne indes auf die Rolle eines unmittelbaren Vorläufers der NS-Bewegung reduziert werden zu können. Man muss allerdings nicht so weit gehen, den umstrittenen Begriff der Konservativen Revolution angesichts seiner Widersprüchlichkeit und Heterogenität gänzlich zurückzuweisen.3 Vielmehr bringt die paradoxe Kombination von Bewahrung und Umsturz zwei zentrale Elemente rechtsintellektuellen Denkens zu Beginn des 20. Jahrhunderts treffend zum Ausdruck. Einerseits handelte es sich um eine Weiterentwicklung und Radikalisierung von einzelnen Ideenelementen aus der Tradition des alteuropäischen Konservatismus, der im 19. Jahrhundert nolens volens zu einer modernen politisch-ideologischen Strömung wurde, durch diese Entwicklung aber zugleich an innere Grenzen stieß. Auf der anderen Seite motivierten die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und der Kriegsniederlage zahlreiche Rechtsintellektuelle dazu, eine neuartige, ebenso nationalistische wie nach vorn gerichtete Programmatik zu entwerfen, die sich scharf von den traditionalen, stellenweise noch mit monarchistischen Reminiszenzen durchsetzten Mustern „altkonservativen“ Denkens abgrenzte.4
Bei einem näheren Blick auf dieses Ideenfeld lassen sich zahllose konkurrierende Varianten erkennen. So wurden etwa auf Seiten des „nationalbolschewistischen“ Flügels Ordnungsideen vertreten, die kaum mehr in die herkömmlichen Wertorientierungen des Konservatismus einzuordnen waren. Sehr viel bedeutsamer war jedoch das Wechselspiel von Krisenrhetorik und Aufbruchstimmung, wobei sämtliche Probleme der Gegenwart nicht nur der Weimarer Demokratie angelastet, sondern als Vorbeben einer chiliastischen Umbruch- und Endzeit interpretiert wurden.5 Die moderne Gesellschaft sei in eine finale Krise eingetreten, und in deren Angesicht sei dem Konservatismus nunmehr weniger eine Bewahrung des Bestehenden aufgegeben als vielmehr - so postulierte Arthur Moeller van den Bruck in seiner berühmten Formel - „Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt“.6
Gewalt spielte in dieser teils mythisch verklärenden, teils betont sachlich-soziologisch argumentierenden Gegenwartsdiagnostik eine zentrale Rolle, und zwar sowohl als Anlass wie als Konsequenz der erwarteten Zeitenwende. Bereits in der Rhetorik war die Konservative Revolution von gewaltaffinen Ausdrücken zutiefst durchdrungen, also Begriffen wie Verrottung, Korruption, Versumpfung einerseits, Zertrümmerung, Zerstörung, Zusammenbruch andererseits. Für das erste Drittel des 20. Jahrhunderts war eine solche Semantik freilich nicht untypisch; in den avantgardistischen Bewegungen jeglicher politischer Couleur vermischten sich antibürgerliche Affekte, aggressiver Vitalismus und endzeitliche Weltbilder zu einem Komplex von Ressentiments gegenüber einer als bürgerlich-borniert und lebensfeindlich wahrgenommenen Gesellschaft. Die destruktive Macht der behaupteten Niedergangs- und Umbruchprozesse wurde nicht als a priori negativ konnotiertes Phänomen gesehen, sondern immer auch als Ausdruck eines „schöpferischen Chaos“. Damit wurde ein Erwartungshorizont eröffnet, der von der radikalen Rechten dazu genutzt wurde, die inhaltliche Unbestimmtheit der eigenen Zielvorstellungen mit einem Habitus des autoritativen Sendungsbewusstseins und der Tatbereitschaft zu überspielen. Revolutionäre Gewalt galt in diesem Zusammenhang nicht als irreguläre, spontane oder punktuelle Entgleisung, sondern als notwendige Verhaltensform und folgerichtiges Reaktionsmuster auf eine sklerotische Erstarrung der Gegenwart.7 Es war daher keineswegs untypisch, wenn etwa Ernst Jünger 1926 formulierte: „Revolution, Revolution! Das ist es, was unaufhörlich gepredigt werden muss, gehässig, systematisch, unerbittlich [...].“8
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Doch trotz dieser Prätention einer militanten und soldatischen Einsatzbereitschaft beschränkten sich die Aktionsfelder der Konservativen Revolution realiter auf eine agitatorische und publizistische Ebene. Obwohl immer wieder eine programmatische Abgrenzung vom unverbindlichen Intellektualismus öffentlicher Meinungsbekundungen eingefordert wurde, blieb die Mehrheit der Weimarer Rechtsintellektuellen eben diesem Tätigkeitsfeld verhaftet und damit in einer beachtlichen Distanz zu jeglichem tatsächlichen Gewalthandeln. Wohl gab es aus dem Umfeld der Freikorps, der paramilitärischen Verbände und der rechtsterroristischen Zirkel zahlreiche gewalttätige Aktionen, die sich gegen staatliche Repräsentanten, politisch Andersdenkende oder auch Abtrünnige aus den eigenen Reihen richteten.9 Doch die Zahl der Aktivisten, welche aus diesem gewalttätigen und rechtsextremen Umfeld in das intellektuelle Milieu der Konservativen Revolution hineinwuchsen, blieb begrenzt. Edgar Julius Jung kann an dieser Stelle genannt werden, der nach dem Krieg kurzzeitig in das Freikorps Epp eingetreten war, sich an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik beteiligt hatte und in rechtsradikalen Kreisen vor allem dadurch für Aufsehen sorgte, dass ein Attentatskommando unter seiner Führung im Januar 1924 einen pfälzischen Separatistenführer in Speyer ermordete. Aber erst in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre schaffte Jung den Sprung zu einer gewissen Respektabilität innerhalb der rechtsintellektuellen Publizistik, deren Höhepunkt sein Avancement zu einem Berater Franz von Papens in den Jahren 1932/33 darstellen dürfte, womit ihm die beachtliche Wandlung von einem paramilitärischen Aktivisten zu einem intellektuellen Stichwortgeber der Konservativen Revolution gelang.10
Als weiteres Beispiel für eine Konversion von der „Tat“ zum „Wort“ sei auf Ernst von Salomon hingewiesen, der als Mittäter an der Ermordung Walther Rathenaus im Jahr 1922 bekannt wurde und bald nach seiner Haftentlassung als Schriftsteller debütierte. Der Erfolg seiner meist autobiographisch grundierten Romane („Die Geächteten“, 1930; „Die Kadetten“, 1933) verdankte sich dabei nicht allein der Tatsache, dass hier zentrale Denkfiguren der radikalen Rechten einflossen und affirmativ aufbereitet wurden, sondern wohl auch dem Umstand, dass ihr Autor von einer Fama „revolutionärer Täterschaft“ umgeben war und sein Alibi immer dann überprüft wurde, „wenn Bomben explodierten“.11
Allerdings steht gerade Salomon auf jener dünnen Grenzlinie, die Kriegsteilnehmer und Nachgeborene in der Frage einer aktiven Gewaltbereitschaft teilte. Denn es war eben nicht primär die Altersgruppe der Weltkriegssoldaten - zu der die Protagonisten der Konservativen Revolution mit überwältigender Mehrheit zählten -, welche den Kampf gegen die Republik als offenen Bürgerkrieg zu führen suchte. Im Jahr 1902 geboren, war Salomon als Absolvent preußischer Kadettenschulen zu jung gewesen, um noch eine Kriegsverwendung zu finden, und seine Teilnahme als Freikorpskämpfer an den militärischen Konflikten im Baltikum und in Oberschlesien ab 1919 wurde - trotz aller Schrecken - von ihm wohl eher als blutiges Abenteuerspiel erlebt denn als Initiation in die moderne Kriegführung mit ihren Technik- und Massenschlachten.12 Soziale Entwurzelung, intellektuelle Desorientierung und eine nationalistische Enttäuschung über die Berliner „Novemberverbrecher“ und „Erfüllungspolitiker“ begünstigten zwar zunächst seine Bereitschaft, sich in militante Gewaltaktionen gegen die Republik zu stürzen. Doch dies blieb eine Episode, an die er nach seiner Haftentlassung nicht mehr anknüpfte, zumal die Kämpfe um die Republik zunehmend auf offener Straße ausgetragen wurden. Außerdem waren die Protagonisten dieser Auseinandersetzungen meist nicht mehr Kriegsteilnehmer oder orientierungslose Freikorpsmitglieder, sondern gehörten überwiegend der nächstjüngeren Generation an, welche den Krieg nur als Kinder oder Jugendliche erlebt hatte, sich nun aber rapide radikalisierte und maßgeblich zu dem Eindruck beitrug, dass sich Deutschland an der Schwelle zu einem Bürgerkrieg befinde.13
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Die These, dass die Konservative Revolution ihren geistigen Zustrom einerseits nur begrenzt aus dem Lager des aktiven Rechtsterrorismus erhielt und dass andererseits die Mehrzahl der zu Intellektuellen gewandelten Kriegsteilnehmer wohl eine rhetorische, kaum aber eine praktische Gewaltaffinität besaß, bestätigt sich bei einem Blick auf weitere Protagonisten des rechtsintellektuellen Milieus. Hans Zehrer etwa, Chefredakteur der einflussreichen, meist als jungkonservatives Theorieorgan wahrgenommenen Zeitschrift „Die Tat“, hatte als Infanterist am Ersten Weltkrieg teilgenommen und war während der Stellungskämpfe in Lothringen im August 1918 verletzt worden, was ihm das Eiserne Kreuz Erster Klasse einbrachte. Sein politischer Aktivismus beschränkte sich in der Weimarer Republik hingegen auf publizistische Vorstöße, in denen zwar die Front- und Gewalterfahrungen von der zivilen Gesellschaft abgegrenzt und mythisiert, zugleich aber als unwiederholbare Prägungen einer distinkten Altersgruppe auf eine geistige Ebene verschoben und damit partiell deaktiviert wurden.14 Anstatt sich an den tagespolitischen Kämpfen der Republik zu beteiligen, bezog Zehrer eine fatalistische Beobachterposition und warnte insbesondere die nachwachsenden, nicht mehr vom eigenen Kriegserlebnis beeinflussten Jahrgänge davor, sich in die Händel einer dem Niedergang geweihten Welt verstricken zu lassen.15 Die Krise der Gegenwart, so notierte er an anderer Stelle, könne man nicht aufhalten; man müsse sie vielmehr zur Gänze „auslaufen lassen“.16
Zu den prominenten Kriegsteilnehmern der Konservativen Revolution gehörte auch Ernst Jünger, dem die literarische Stilisierung seiner Erfahrungen als Frontkämpfer ein glänzendes Entrée in die rechtsintellektuellen Zirkel verschafft hatte und der ebenfalls eine Mythisierung der Kriegsgeneration als Vortrupp der kommenden Weltenwende betrieb: „Im Krieg hat sich ein neuer gefährlicher Menschenschlag entwickelt, bringen wir diesen Schlag zur Aktion!“17 Doch trotz dieses verbalen Aktionismus verhielt sich Jünger gegenüber den Gewalteruptionen der späten Weimarer Republik zurückhaltend und beschränkte sich eher auf intellektuelle Tätigkeiten, wovon etwa die Vielzahl seiner politischen Tages- und Gelegenheitsschriften reichliches Zeugnis ablegt. Ernst Niekisch kommentierte später höhnisch, dass Jünger ein allenfalls passives „Vergnügen daran [fand], zu verfolgen, wie die allgemeine Aufregung turbulente Formen annahm“.18 In diesem Zusammenhang ist auch die häufig kolportierte Szene anzuführen, dass Jünger - so Alexander Mitscherlich als Kronzeuge dieser Episode - während einer gewaltsamen Demonstration beim Anrücken der ersten Panzerwagen „mit großer Behendigkeit von der Straße verschwand und in einem Hausflur Deckung suchte“.19
Auch wenn es sich bei diesen Beispielen eher um punktuelle Betrachtungen handelt, dürfte sich die beobachtete Widersprüchlichkeit von aktivistischer Programmatik und individueller Zurückhaltung im gesamten Feld der Konservativen Revolution nachweisen lassen. Zugleich lässt sich diese Diskrepanz durch die bei vielen Rechtsintellektuellen erkennbare Auffassung erklären, dass Gewalt ohnehin der Grundmodus des erwarteten epochalen Weltensturzes sein werde. Die eigene Distanz gegenüber einer Teilnahme an gewalttätigen Auseinandersetzungen begründete sich also weniger aus einem allgemeinen Dilemma intellektueller Existenz oder gar aus der Schockerfahrung des Ersten Weltkriegs, sondern entsprang vor allem der Behauptung einer endzeitlichen Weltenwende von überindividueller Geschichtsmächtigkeit. Gegenüber den Erfahrungen tatsächlich erlebter und ausgelebter Gewalt, welche auf die paramilitärischen Kampfgruppen Weimars eine ungeheure Faszination ausübten, dominierte im rechtsintellektuellen Umfeld mithin ein eher metareflexiver Umgang mit den destruktiven Kräften der Zeit, die als gleichsam naturgegebene Konstanten konzeptualisiert wurden. Jede Erscheinung von Krise, Zerstörung und Niedergang wurde weniger als Störung einer sinnhaft-teleologischen Vorwärtsentwicklung verstanden, sondern als - auch in ihrer Gewalthaftigkeit - im Grunde „normales“ Symptom einer Endzeit. Zudem ließ sich ein gewaltbehafteter Umbruch auch als Läuterungs- und Reinigungsprozess begreifen, was schließlich auf jene metaphysisch grundierten Kreislauf- und Zyklenlehren hindeutet, für welche Oswald Spenglers Buch „Der Untergang des Abendlandes“ (1918/22) als gedanklicher Prototyp steht.20
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Die Stelle eines revolutionären Subjekts - verstanden als Träger der anstehenden Umwälzungen - blieb dabei auf eine irritierende Weise leer, und die Protagonisten der Konservativen Revolution sahen sich bestenfalls als Beschleuniger der erwarteten Zeitenwende, ohne indes angeben zu können, von wem diese verkörpert werden solle. Wenn allerdings doch immer wieder eine „Gestaltung des Zusammenbruchs“21 eingefordert wurde, so war der Blick vieler Rechtsintellektueller letztlich auf die Staats- und Militärgewalt als hergebrachte Träger institutionell gefasster Macht fixiert. Eine kritische Distanz bestand zwar dort, wo die Obrigkeit als Repräsentantin der verhassten demokra-tisch-parlamentarischen Republik auftrat, beispielsweise bei der Niederschlagung der schleswig-holsteinischen Landvolkbewegung Ende der 1920er-Jahre. Doch bei näherem Hinsehen lässt sich deutlich erkennen, dass die Konservative Revolution keineswegs auf eine Schwächung der Staatsgewalt abzielte, sondern im Gegenteil auf deren Erneuerung im Sinne einer autoritären Stabilisierung. Nur dadurch sei es möglich, die moderne „Massengesellschaft“ in einem übergeordneten Ganzen neu zu ordnen und ihre desintegrierenden Tendenzen zu neutralisieren. Die Demokratie stellte sich aus dieser Perspektive vor allem deshalb als verfehltes Organisationsprinzip dar, weil sie ignoriere, dass die nachbürgerliche Gesellschaft neue Ordnungsmaßstäbe erzwinge, welche über einen liberalen Individualismus ebenso hinausreichen müssten wie über den partikularen Einfluss von Parteien und organisierten Interessen.22
Als Beispiel sei auf Edgar Julius Jungs Vorarbeiten für das von Franz von Papen formulierte Ideal eines „Neuen Staates“ hingewiesen oder auch auf Hans Zehrers Engagement für das Konzept einer „Querfront“. Mit letzterem Schlagwort verbindet sich der Versuch des kurzzeitigen Reichskanzlers von Schleicher, im Winter 1932/33 zahlreiche überparteiliche Kräfte zu bündeln, um die NSDAP vom inneren Kreis der Macht fernzuhalten und zugleich das staatliche Gewaltmonopol zu erneuern. Angesichts einer als entgrenzt wahrgenommenen politischen Gewalt, die im Sommer 1932 einen dramatischen Höhepunkt erreicht hatte, wurde in einer autoritären, vor allem auf die Reichswehr gestützten Staatsführung die einzige Möglichkeit erblickt, die Unruhe der Gesellschaft gleichermaßen niederzuschlagen wie eine Neuordnung der Staatsgewalt herbeizuführen.23
Diese illusionär anmutende Erwartung an die staatliche Gewalt führte indes nicht nur zum ruhmlosen Scheitern der „Querfront“, sondern verweist auch auf einen zentralen Grund für die politische Bedeutungslosigkeit der Konservativen Revolution. So sehr sich die eigenen geistigen und schriftstellerischen Aktivitäten auch durch eine vermeintliche Nähe zur staatlichen Macht aufwerten ließen, so unverkennbar bleibt zugleich, dass man zu keinem Zeitpunkt einen ernsthaften Einfluss auf die politische Dynamik der späten Weimarer Republik auszuüben vermochte. Die hergebrachten intellektuellen Wirkungs-kreise - das Schreiben, Agitieren, Propagieren für ein mehr oder minder überschaubares Publikum - wurden kaum je überschritten, so dass es letztlich bei der „politischen Impotenz“ von „papierne[n] Deklamationen“ blieb.24 Selbst ein Apologet wie Armin Mohler musste dem revolutionären Anspruch der intellektuellen Rechten im Nachhinein ein hohes Maß von Ziellosigkeit, Skepsis und Passivität bescheinigen.25 Andererseits war der von zahllosen Rechtsintellektuellen erhobene Anspruch, einen Epochenbruch zu „erahnen“ und gedanklich vorzubereiten, nicht gänzlich aus der Luft gegriffen. Denn aus diesem Umfeld stammten in der Tat nicht wenige jener Stimmen und Stimmungen, welche den nationalsozialistischen Destruktionsplänen bewusst oder unbewusst vorarbeiteten. Auch ist darauf hinzuweisen, dass etliche rechtsintellektuelle Protagonisten die „nationale Revolution“ der NSDAP wenigstens als Auftakt der erwarteten Zeitenwende ansahen und 1933 - zumindest zeitweise - in Hitlers Lager übergingen.
Im Ganzen war aber die intellektuelle Melange der konservativ-revolutionären Zeitdiagnostik unspezifisch genug, um mehr oder minder subkutan auch nach 1933 fortzubestehen und sich in verschiedenen Ausläufern bis weit in die Bundesrepublik fortzusetzen. Obwohl hierzu nur wenig präzise Untersuchungen vorliegen, scheint in dieser Nachgeschichte der Anspruch eines revolutionären Weltensturzes zugunsten eines domestizierten Zivilisationspessimismus zurückgenommen worden zu sein, womit sich auch der Gedanke einer Endzeit in die Behauptung eines Endes der Geschichte, mithin einer zukunftslosen posthistoire, transformierte. Nicht zuletzt dürfte das Selbstbild einer passiven Beobachterrolle bei der Verarbeitung epochaler Gewaltereignisse eine wesentliche biographische Stabilisierungsfunktion eingenommen haben. Wenn etwa Ferdinand Fried von der „Tat“ bereits zum Ende der Weimarer Republik festhielt, man sei lediglich Zuschauer in einer „Erdbebenwarte“,26 so ließ sich eine derartige Beobachterrolle problemlos auch für die Jahre der Diktatur wie für die frühe Bundesrepublik reklamieren.27
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2. Theorie und Praxis: Zur Gewaltfaszination der Neuen Linken
Dass es intellektuelle Kontinuitäten von der späten Weimarer Republik über den Untergrund der NS-Diktatur bis in die frühe Bundesrepublik gab, ist in der jüngeren Forschung verschiedentlich beschrieben worden, etwa für den Bereich einer kulturkritischen Modernitätsskepsis.28 Und ebenso ist vereinzelt bereits betont worden, dass sich diese Traditionslinien keineswegs auf Ideen und Wertorientierungen beschränkten, sondern ihren Ausdruck vor allem in den Verhaltensmustern und Argumentationsformen fanden; es sei in diesem Zusammenhang einzig an die frappanten Ähnlichkeiten im elitären Selbst- und Sendungsbewusstsein zwischen dem konservativen „Tat-Kreis“ und der „Gruppe 47“ erinnert.29 Zugleich ist allerdings darauf hinzuweisen, dass sich Krisenrhetorik und Zeitkritik immer mehr auf der linken Seite des politischen Spektrums konzentrierten. Während sich nicht wenige konservative Intellektuelle im Verlauf der 1950er-Jahre zunehmend pragmatisch, ideologie- und illusionslos gaben, wurde die Behauptung einer gesellschaftlichen Dauerkrise zu einer linken Domäne und bildete schließlich auch den Mittelpunkt für jene Gemengelage von Akteuren unterschiedlichster Prominenz, Repräsentanz und Wirkungsmacht, die alsbald mit dem Sammelbegriff einer „Neuen Linken“ belegt wurde.
Ähnlich wie im Fall der Konservativen Revolution lässt sich auch bei der Neuen Linken nicht von einer geschlossenen Denkschule ausgehen. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen - in seiner Sprachmächtigkeit und Sichtbarkeit allerdings nahezu solitären - Teil einer weitaus größeren und amorpheren Protestbewegung, für welche die intellektuelle Widersprüchlichkeit ebenso charakteristisch war wie die Vielfalt der politischen Zielsetzungen. Gleichwohl konnte die bisherige Forschung zeigen - etwa anhand der „Frankfurter Schule“, aber auch anhand des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) -, dass die Neue Linke in der Bundesrepublik vor allem als theorieaffine und textfixierte Intellektuellenbewegung am linken Rand des politischen Spektrums auftrat und dabei hergebrachte Sozialismusvorstellungen mit anarchistischen, emanzipatorischen sowie internationalistischen Ansätzen anreicherte. In losen Kleingruppen, Gesprächszirkeln oder studentischen Arbeitskreisen jenseits fest gefügter parteilicher Strukturen organisiert, wurde zugleich ein elitär-avantgardistischer Abgrenzungsanspruch geltend gemacht, der sich gleichermaßen auf die klassische Arbeiterbewegung und die Sozialdemokratie, die westdeutsche Mehrheitsgesellschaft wie die realsozialistischen Staaten bezog.30
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Die Selbstbezeichnung als Neue Linke leitete sich von dem Konzept eines erneuerten oder „Neo“-Marxismus ab, welches unter anderem von dem 1933 in die USA emigrierten Sozialtheoretiker Herbert Marcuse repräsentiert wurde, dessen Hauptwerke „Triebstruktur und Gesellschaft“ (1955) und „Der eindimensionale Mensch“ (1964) innerhalb des neulinken Milieus zu zentralen Bezugstexten avancierten. Hier wurde ein traditioneller Marxismus auf attraktive Weise mit existentialistischen und psychoanalytischen Theoriefermenten kombiniert und mit der selbstgewissen Vorhersage einer ebenso notwendigen wie tatsächlich bevorstehenden Weltrevolution ergänzt. Gerade hinter dem „ideologische[n] Schleier der pluralistischen Demokratie“ und dem „materielle[n] Schleier der verschwenderischen Produktivität“, so postulierte Marcuse, lauere immer noch ein „aggressive[r] und expansive[r] Apparat der Ausbeutung“. Dies mache eine revolutionäre Umwälzung auch und gerade in den westlichen Wohlfahrtsdemokratien - den überreifen Spätfrüchten des Hochkapitalismus - unumgänglich.31
Seine eigentliche Suggestivkraft übte dieser Neomarxismus dadurch aus, dass er einerseits von diffusen, personal nicht zurechenbaren („strukturellen“) Zwangsgewalten als Repressionsagenturen im Spätkapitalismus ausging, andererseits aber neuartige Formen der revolutionären Gegenwehr und Gegengewalt anbot. Denn wurde die Aufmerksamkeit auf Fragen der Bewusstseinsentwicklung innerhalb einer saturiert erscheinenden Gesellschaft verlagert, so bedeutete dies - wiederum in Abgrenzung von einem marxistischen Determinismus klassischer Provenienz - eine nachhaltige Aufwertung intellektueller Aktivitäten. Theoretische Aufklärung und öffentliche Kritik wurden mit einer Aura der revolutionären Notwendigkeit versehen und erhielten als Aufgaben einzelner, auch minoritärer Gruppen und Individuen eine neue Bedeutsamkeit. Das Problem einer revolutionären Subjektbildung ließ sich auf diese Weise elegant von dem Entwicklungsstand bestimmter Klassenvoraussetzungen ablösen, so dass Marcuse nicht mehr die Arbeiterklasse, sondern nur mehr „das Substrat der Geächteten und Außenseiter“ als Träger der Revolution gelten lasse wollte.32 Ausbuchstabiert hieß dies vor allem: Intellektuelle, Studenten und gesellschaftliche Randgruppen.
Diese Gesellschaftsdiagnostik Marcuses erlebte innerhalb kürzester Zeit eine sprunghaft ansteigende Rezeption in Westdeutschland, und ihr Autor wurde zu einem vielbefragten, teilweise verehrten Mentor der sich formierenden Studentenbewegung.33 Die Aufwertung der eigenen Rolle stieß bei nicht wenigen Studenten und jungen Intellektuellen auf eine beachtliche Resonanz, und gerade die Führungsköpfe aus dem Umfeld des SDS stilisierten sich auf diese Weise zu elitären Vorkämpfern einer neuen Zeit. Insofern verweist die in den 1960er-Jahren rapide zunehmende Verbreitung und Vulgarisierung neomarxistischer Theoreme nicht allein auf die Herausbildung einer linken und linksradikalen Fundamentalopposition, sondern immer auch auf die Dynamik einer intellektuellen Rollensuche, in der sich Selbsterhöhung und Marginalisierungsgefühle, Avantgardeanspruch und Außenseiterpathos, Provokations- und Profilierungsbedürfnisse verschränkten.
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Dass diese Bedeutungserhöhung einer intellektuellen Existenz ab den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren auf fruchtbaren Boden fiel, war besonders der geistigen Atmosphäre dieser Jahre geschuldet. Jenseits aller ideologischen Positionen herrschte unter westdeutschen Intellektuellen seit der späten Adenauerzeit ein eminentes Missvergnügen an einer saturiert und konformistisch wirkenden Gesellschaft, in der es, wie Hans Magnus Enzensberger einmal spöttisch anmerkte, „aufwärts geht, aber nicht vorwärts“.34 Vor allem Schriftsteller - neben Enzensberger wäre etwa auch an Friedrich Christian Delius, Rolf Hochhuth, Martin Walser zu denken - brachten diese Unzufriedenheit wortmächtig auf den Punkt, und es war nur folgerichtig, wenn Peter Weiss 1966 im „Kursbuch“ pathetisch über die Abstinenz hergebrachter literarischer Wortmeldungen hinausdrängte: „Stehen wir auf der Seite derer, deren Kräfte heute einem Verschleiß bis zur Vernichtung ausgesetzt werden (so wie die Wehrlosen in den faschistischen Konzentrationslagern), [...] die von ihren Beherrschern zersplittert und gegeneinander aufgehetzt werden, denen die Ruhe zum wohlgewählten Ausdruck fehlt und die ihr aufgespeichertes Unglück in gewaltsamen Ausbrüchen entladen, oder stehen wir auf der Seite derer, die diese Ausbrüche Pöbelrevolten nennen [...]?“35
Dieser Drang zur Parteinahme spiegelt jene umfassende Politisierung wider, die in den frühen 1960er-Jahren immer weitere Kreise der studentischen und intellektuellen Szenerie erfasste. Zwar beschränkte sich die überwiegende Mehrheit auf hergebrachte Verhaltensformen und trat in erster Linie publizistisch, durch Resolutionen oder andere öffentliche Meinungsbekundungen für eine (meist: sozial)demokratische Reformpolitik sowie für die Verteidigung und Ausweitung der traditionellen Bürger- und Freiheitsrechte ein.36 Doch die Grenzen zu den minoritären Gruppen der Neuen Linken blieben lange Zeit fließend, und nicht selten wurde der neomarxistisch grundierte Avantgarde-anspruch, die Aufklärung der „entfremdeten Massen“ zu betreiben, zur gängigen intellektuellen Münze. Zudem wuchsen in weiten Kreisen Anerkennung und Prestige einer entschlossenen Tatbereitschaft, hinter der die Suche nach dem - wie es Weiss formuliert hatte - „wohlgewählten Ausdruck“ zurückzustehen hatte.
In diesem Zusammenhang wurden bereits aus der Zwischenkriegszeit bekannte Propaganda- und Handlungstechniken wiederbelebt, so insbesondere die Vorstellung einer unmittelbar mobilisierenden, nicht rational-intellektuell vermittelten „direkten Aktion“. Zwar kam es zunächst nur zu einem bescheidenen Experimentieren mit entsprechenden Praktiken, wobei vor allem die 1965/66 in West-Berlin durchgeführten, illegalen Flugblatt- und Plakataktionen einer Kleingruppe um Rudi Dutschke, Dieter Kunzelmann und Ulrich Enzensberger zu nennen sind.37 Wichtiger war jedoch die allgemeine Verschiebung von einer vernunftorientierten Argumentation hin zu nonverbalen, sinnlichen oder körperbetonten Protestformen, was sich auf dem radikaleren Flügel der linksintellektuellen Szenerie rasch mit einer neuentdeckten Antibürgerlichkeit verband. Auch hier lebten Elemente aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder auf, etwa in Form eines aus den Überresten von DADA und Surrealismus hergeleiteten Situationismus. Kleine Künstler-, Bohème- und Intellektuellenzirkel wie die Situationistische Internationale oder die Gruppe SPUR kamen alsbald mit antiautoritären Kreisen aus dem Umfeld des SDS in Kontakt, woraus etwa die so genannte Viva-Maria-Gruppe um Dutschke oder später die Kommune I entstanden. Dabei wurde eine polemisch-aktionistische Programmatik entwickelt, die in erster Linie darauf abzielte, die angebliche innere Leere und Absurdität der westdeutschen Gesellschaft durch eine Strategie der begrenzten und symbolischen Regelverletzung bloßzustellen, etwa in Form spektakulärer Happenings, subversiver Praktiken und neuartiger Lebensformen.38
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Diese Provokationslust richtete sich indes nicht nur auf eine demonstrative „freie Liebe“ zur Überwindung hergebrachter Sexualnormen, sondern erstreckte sich ebenso auf die Vorstellung, dass auch Gewalt ein angemessenes Ausdrucksmittel zur Demaskierung einer als passiv, konsumorientiert und spießbürgerlich stereotypisierten Gesellschaft sei. Unter loser Anknüpfung an die avantgardistischen Bewegungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Gewalt - in realer wie auch in imaginierter Form - eine reinigende und damit bewusstseinserweiternde Bedeutung zugeschrieben.39 Als Beispiel hierfür kann das legendäre Flugblatt der Kommune I dienen, welches nach dem Brüsseler Kaufhausbrand vom Mai 1967 die Kritik an der amerikanischen Kriegsführung in Vietnam mit ebenso verstörenden wie ambivalenten Gewaltphantasien verknüpfte: „Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelte zum erstenmal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabeizusein und mitzubrennen), das wir in Berlin bislang noch missen müssen.“40
Neben solchen Provokationen boten aber auch verschiedene physische Zusammenstöße mit den Ordnungskräften einen Anlass, das intellektuelle Verhaltensrepertoire um eine aktivistische Komponente zu ergänzen. Straßenschlachten, Demonstrationen, Sitzstreiks und unterschiedliche Formen des zivilen Ungehorsams führten immer wieder zu kleineren Scharmützeln mit den Repräsentanten der Staatsgewalt, wobei gerade die körperliche Entgrenzung dieser Konflikte als reizvoll erlebt werden mochte. Johannes Agnoli räumte etwa rückblickend ein, dass man auf die bei Demonstrationen und Rangeleien mit der Polizei erlittenen Blessuren auf heimliche Weise immer auch stolz gewesen sei.41
Wenn also von Seiten der Neuen Linken wie überhaupt der studentischen und außerparlamentarischen Protestbewegung stets auf eine vorgängige „Repression der Herrschenden“ als Anlass für die eigene Widerständigkeit hingewiesen wurde, so war dies höchstens die halbe Wahrheit. Es hat vielmehr den Anschein, dass sich durch die Überlagerung von Revolutionserwartung und dezisionistischer Tatorientierung bereits zuvor eine untergründige Gewaltfaszination herausgebildet hatte, die zudem mit der Behauptung einer latenten Krisensituation einherging. Zumindest lässt sich für die westdeutsche Neue Linke der 1960er-Jahre eine starke Neigung feststellen, jeden Konflikt als Ausdruck der inneren Widersprüchlichkeiten und Spannungen eines monopolkapitalistischen Systems im Endstadium zu interpretieren. Bereits die Bildung der Großen Koalition 1966 und die geplante Notstandsgesetzgebung galten als Wegmarken einer proto-totalitären Umformung - wo nicht „Refaschisierung“ - der Bundesrepublik. Aber auch die verschiedenen gewaltsamen Zusammenstöße zwischen protestierenden Studenten und Polizei stellten sich aus dieser Perspektive als erwartbare Konsequenzen einer kriseninduzierten Entwicklung zum autoritären Staat dar, so dass etwa nach dem Attentat auf Rudi Dutschke von linksintellektueller Seite argumentiert werden konnte: „Die Ereignisse Ostern 1968 sind ein Exempel des politischen Systems in der Bundesrepublik, seiner ihm innewohnenden Entwicklungstendenzen, seiner Art, innere Krisen zu bewältigen. [...] Die bisher größte Gewaltanwendung des Staatsapparates in der Bundesrepublik läßt erkennen, daß beschwörende Appelle und sentimentale Besinnung auf ältere Modelle der Gewaltenteilung und der Begrenzung des Gewaltmonopols auf den Rechtsstaat ungeeignet sind, das Gewaltproblem in einer Gesellschaft mit verdeckten Widersprüchen und Konflikten zu lösen.“42
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Diese Abkehr von den Grundprinzipien einer rechtsstaatlichen Demokratie stand in einem erkennbaren Zusammenhang mit dem - zunächst nur intellektuellen - Entwurf einer legitimen und reziproken „Gegengewalt“. Angesichts der realen oder behaupteten Maßnahmen der Obrigkeit ging es in erster Linie darum, die eigene Gewaltbereitschaft als Verteidigungshaltung theoretisch wie moralisch zu rechtfertigen, wobei nicht zuletzt auf die sophistische Unterscheidung zwischen einer „Gewalt gegen Sachen“ und einer „Gewalt gegen Personen“ zurückgegriffen wurde.43 Auf der anderen Seite dynamisierte sich diese „zirkuläre Rhetorik von Gewalt und Widerstand“44 aber nicht nur in Reaktion auf das fraglos massive Vorgehen der Ordnungskräfte, sondern auch dadurch, dass Gewalt als notwendiger Teil einer revolutionären Übergangszeit verstanden wurde. Erschien die Gegenwartskrise als Ausdruck einer finalen Konfliktsituation zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Unterdrückung und Befreiung, so mochte sich mit der utopischen Verheißung einer endgültigen Überwindung aller Gewaltverhältnisse tendenziell jegliche revolutionäre Gewalt rechtfertigen lassen.45
Dass diese Vorstellung einer unabwendbaren Entscheidungssituation im Verlauf der 1960er-Jahre eine immer stärkere Suggestivkraft entwickelte, lässt sich beispielsweise am Auftreten Rudi Dutschkes ablesen. Dessen in rastloser Produktivität hervorgebrachte Zeitdeutungen und Handlungsmaximen kreisten derart obsessiv um einen revolutionären Ausbruch aus der Niedergangskrise des Kapitalismus, dass ihre eschatologisch-apokalyptischen Untertöne bereits den Zeitgenossen auffielen.46 Immer wieder beschwor Dutschke die herannahende Kraftprobe zwischen Unterdrückern und Unterdrückten und postulierte etwa in seinem berühmten Appell auf dem Berliner Vietnamkongress im Februar 1968: „Genossen! Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen, und das ist nicht ein Bild und keine Phrase. Wenn in Vietnam der US-Imperialismus überzeugend nachweisen kann, daß er fähig ist, den revolutionären Volkskrieg erfolgreich zu zerschlagen, so beginnt erneut eine lange Periode autoritärer Weltherrschaft von Washington bis Wladiwostok. Wir haben eine historisch offene Möglichkeit. Es hängt primär von unserem Willen ab, wie diese Periode der Geschichte enden wird.“47
Für die Erzeugung einer revolutionären Handlungsbereitschaft war es in der Tat entscheidend, dass der bevorstehende Konflikt nicht nur als historischer, sondern immer auch als globaler Entscheidungskampf imaginiert wurde.48 Die verschiedenen militärischen Konflikte der „Dritten Welt“ wurden daher einerseits in den Kategorien von gerechtem Krieg und legitimer Gegengewalt, von antiimperialistischem Volks- und Befreiungskampf rationalisiert und zugleich romantisch überhöht, auf der anderen Seite jedoch von neomarxistischer Warte als Ergebnis der spätkapitalistischen Tendenzen zur weltumspannenden Aggression und Ausbeutung beschrieben. Bereits die Empörung über den Krieg in Vietnam war nicht allein aus pazifistischen oder humanistischen Motiven erwachsen, sondern ebenso aus der Auffassung, dass dort ein konterrevolutionärer Feldzug mit wirtschaftlichen Interessen geführt werde. Vergleichbare Deutungen ließen sich auf nahezu alle „Entwicklungsländer“ übertragen. Man denke etwa an Bahman Nirumands Anklage gegen das Schah-Regime, welche eine beträchtliche Massenmobilisierung erzeugte und sich zudem mittelbar mit dem Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 verknüpfte. Schon zuvor hatten verschiedene Aufsätze von Che Guevara zur revolutionären Praxis oder auch Frantz Fanons antikolonialistischer Bestseller „Die Verdammten dieser Erde“ (1966) innerhalb der westdeutschen Linken Furore gemacht.49
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Ein näherer Blick auf die dabei wirksamen Projektionsmechanismen zeigt freilich, dass die politisch-revolutionären Heilserwartungen immer auch von popkulturellen Mustern überblendet wurden, wie es etwa bei der ästhetischen Inszenierung einer virilen Maskulinität in Gestalt von Che Guevara oder Fidel Castro augenfällig wird.50 Auch die nordamerikanischen „Black Panther“ stießen innerhalb der westdeutschen Linken vor allem deshalb auf zahlreiche Sympathien, weil sich bei ihnen lässiges Auftreten und martialischer Anspruch, Selbst- und Sendungsbewusstsein verschränkten. Ein Abdruck aus Eldridge Cleavers Buch „Seele auf Eis“ wurde in der Zeitschrift „konkret“ 1969 sowohl mit einem entsprechenden Foto von selbstbewussten Waffenträgern mitsamt Sonnenbrillen und umgehängten Patronengürteln illustriert wie im redaktionellen Vorspann auch von einer dezisionistischen Argumentation begleitet: „In den USA herrschen klare Fronten. Die Gewalt der Herrschenden hat ein enormes Potential an revolutionärer Gewalt der Unterdrückten freigesetzt. Die Kraftprobe steht bevor. Ihr Ausgang entscheidet das Schicksal der ganzen Welt.“51
Natürlich bedeuteten die geläufigen Bekenntnisse zu einer „internationalen Solidarität“ für die Mehrheit der westdeutschen Linksintellektuellen in erster Linie, auf eine emotionale und ideelle Weise an dem Phantasma einer Weltrevolution teilzuhaben, ohne davon im Alltag ernsthaft berührt zu werden. Trotz einer oft emphatischen revolutionären Rhetorik blieben die meisten Aktivisten und Mitläufer letztlich in einem respektablen Abstand zu jedweder aktiven Gewaltanwendung, zumal es in der Bundesrepublik, wie Rolf Hochhuth mit launig-selbstkritischem Unterton anmerkte, eben „keine Intellektuellen gibt, Ideenträger, die ihr Leben einsetzen oder auch nur ihren Job“.52 Noch nicht hinreichend erforscht ist dagegen, inwieweit sich diese Kombination aus Gewaltfaszination und distinguierter Zurückhaltung außerhalb intellektueller Zirkel weiterverbreitete oder welche mobilisierende Wirkung ein politisch-aktivistischer Überlegenheitsgestus bei ereignisorientierten Jugendlichen entfaltete.53
Angesichts der dramatisierenden Rhetorik der Neuen Linken bleibt festzuhalten, dass letztlich nur eine Minorität der suggestiven Kraft der eigenen Mobilisierungsappelle erlag. Bei dieser Minderheit setzte zum Ende der 1960er-Jahre ein Prozess der Entgrenzung und Radikalisierung ein, der in der Forschungsliteratur beträchtliche Aufmerksamkeit gefunden hat, weil er die neuralgische Frage nach dem Ursprung des westdeutschen Linksterrorismus der 1970er-Jahre berührt. Dabei wurde erst in jüngerer Zeit mit der wünschenswerten Deutlichkeit aufgezeigt, dass sich die RAF, die „Bewegung 2. Juni“ oder die „Revolutionären Zellen“ weniger als akzidentielle Spaltprodukte der zerfallenden Studenten- und Protestbewegung verstehen lassen, sondern vielmehr einer längerfristigen Tradition der Militanz entsprechen, deren Spur sich wenigstens bis zur Mitte der 1960er-Jahre zurückverfolgen lässt. Insbesondere mit Blick auf den SDS und seine Protagonisten kann von einer beträchtlichen Gewaltrationalität ausgegangen werden, für die prototypisch das berüchtigte „Organisationsreferat“ steht, mit dem Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl im September 1967 das Verhältnis des SDS und überhaupt der Studentenbewegung zu einer aktiven Gewaltanwendung neu justieren wollten; bekanntlich fiel darin auch erstmals das Schlagwort von einer „Stadtguerilla“ als einer partisanenhaften, den „Metropolen“ angemessenen Kampfformation.54
Zwar führte selbst von hier aus keine gerade Linie zur aktionistischen Selbstermächtigung der westdeutschen Terrorgruppen, und es lässt sich nur begrenzt erklären, warum bestimmte biographische und situative Konstellationen innerhalb der radikalen Linken zu paramilitärischer Gewaltausübung führten und andere nicht.55 Sicher ist jedoch, dass sich die von der Neuen Linken artikulierte Gesellschaftskritik nie allein auf die theoretische Behauptung eines kapitalistischen Niedergangs beschränkte, sondern dass dahinter stets der Versuch einer Bedeutungsaufwertung der eigenen intellektuellen Rolle stand, wodurch auch gewaltsame Handlungsformen in den Bereich des Denk- und Vorstellbaren rückten.
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3. Bilanzierende Überlegungen
Es bedarf fraglos weiterer Forschungen, um die Bedeutung von Gewaltfaszination und Revolutionssehnsucht in der deutschen Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhundert präzise lokalisieren zu können. Die hier dargestellten Befunde deuten jedoch darauf hin, dass das sowohl in den 1920er- wie in den 1960er-Jahren hervorgebrachte Suggestivbild einer epochalen Zeitenwende zu einer aktivistischen, zuweilen revolutionär-gewaltapologetischen Tatbereitschaft führte - und zwar in konträren Ideenmilieus.
Eine Erklärung dieser Ähnlichkeiten und ihrer untergründigen Verknüpfungen ist nicht einfach, zumal berücksichtigt werden muss, dass der aktivistische Verhaltensstil in den 1930er-Jahren eine besonders dramatische Relevanz entwickelte und zu den begünstigenden Voraussetzungen für eine bedenkenlose Bereitschaft zum Massenmord zählte. Doch dieser Zusammenhang wurde nach 1945 nur selten erörtert, da sich die Aufmerksamkeit, wenn überhaupt, vorwiegend auf die politisch-inhaltliche Nähe vieler Intellektueller zum Nationalsozialismus konzentrierte. Nicht zuletzt aus diesen Gründen, so hat es zumindest den Anschein, konnte der Habitus einer kompromisslosen und entschlossenen Tatbereitschaft über weite Strecken vergleichsweise unbeschadet tradiert werden, so dass in den 1960er-Jahren immer wieder von Berührungspunkten zwischen einer nun ergrauten Weimarer Rechten und einer jugendlich-vitalistisch auftretenden Neuen Linken gesprochen werden konnte. Allerdings waren diese - wirklichen oder imaginären - Annäherungen schon zeitgenössisch sehr umkämpft und sind bis heute von stark verzerrenden, jeweils in die eine oder andere Richtung neigenden Apologien begleitet.56
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Ein näherer Blick zeigt zudem, dass neben diesen untergründigen Verbindungen zugleich beachtliche Differenzen zwischen Konservativer Revolution und Neuer Linker bestanden, weshalb nicht voreilig - etwa im totalitarismustheoretischen Sinne - von einer Annäherung oder gar einer Identität der politischen Extreme gesprochen werden sollte. Zu den wesentlichen Unterschieden gehört die mit den konträren ideologischen Positionen verbundene Wirkungsambition, also die Art und Weise, wie mit der intellektuellentypischen Zerrissenheit zwischen Deklamation und Aktion, zwischen Wort und Tat umgegangen wurde. Während innerhalb der Konservativen Revolution eher eine Haltung der ungerührten Distanz und des Rückzugs dominierte, bestand auf Seiten der Neuen Linken eine überaus emphatische Adressierung und Aktivierung der eigenen Protagonisten und Sympathisanten. Allenthalben wurde hier die Bereitschaft zum leidenschaftlichen Engagement, zur politischen Entscheidung, zur revolutionären Tat gefordert, was die Entstehung neuartiger, subversiv-provokativer und kreativer Formen des individuellen Protests begünstigte, punktuell aber auch zu Realitätsblindheit, elitärem Solipsismus und terroristischer Selbstermächtigung führen konnte. Entscheidend ist jedoch, dass ein unverrückbarer Glaube an die Geschichtsmächtigkeit der eigenen Rolle vorhanden war; nicht umsonst lautete ein zentraler Slogan der Protestbewegungen der 1960er Jahre: „Geschichte ist machbar“.
Diese Selbstberufung der Neuen Linken, als Avantgarde die überfällige Weltrevolution einzuleiten, steht in offensichtlichem Gegensatz zur Position der Weimarer Rechten, bei der der Platz eines revolutionären Subjekts letztlich unausgefüllt blieb, zumindest aber nicht selbst beansprucht wurde. Trotz einer gewaltapologetischen Verachtung aller republikanischen Institutionen reklamierten nicht wenige Rechtsintellektuelle eine Position als unbeteiligte Beobachter der politisch-gesellschaftlichen Erschütterungen, welche zumeist als naturgegebene Degenerationsphänomene gefasst wurden. Bei genauerem Hin-sehen zeigt sich freilich, dass damit keineswegs ein Verzicht auf eigene Ordnungsansprüche einherging, sondern dass diese in letzter Instanz immer noch an traditionelle Autoritäten (Staat, Militär) delegiert wurden. So bestand die innere Logik des rechtsintellektuellen Revolutionsverständnisses gerade in der Entlastung und Entfesselung der Staatsgewalt von allen gesellschaftlichen, partikularen und parteiischen Einflüssen. Die Konservative Revolution zielte damit nicht, wie die Neue Linke, auf eine oppositionelle Mobilisierung der Gesellschaft oder die Freisetzung politischer Energien, sondern im Gegenteil auf deren Beschränkung, Begrenzung und Bindung zugunsten eines autoritativen Ganzen.
Wenn also die Konservative Revolution auf eine chaotisch erlebte Gegenwart mit Rufen nach einer gewaltsamen Pazifizierung und Domestikation der Gesellschaft durch eine neu zu konstituierende Autorität reagierte, so fand dies eine eigentümlich komplementäre Spiegelung in der von linker Seite um 1960 formulierten Diagnose einer autoritär-konservativen Lähmungskrise. Das staatliche Gewaltmonopol wurde von der Neuen Linken vor allem als politisches Unterdrückungsmittel gefasst, dessen repressive Mechanik aber durch einen - sei es symbolischen, sei es gewaltförmigen - Konflikt mit der Obrigkeit freigelegt werden könne. Allerdings ist es bislang noch nicht hinreichend aufgearbeitet, welches wechselseitige Beziehungsverhältnis zwischen diesem aggressiven Demaskierungsanspruch und dem ebenso vagen wie verbreiteten demokratischen Reformwillen der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft der 1960er-Jahre bestand. So wenig sich Liberalisierung und Pluralisierung in der Bundesrepublik auf die intellektuellen Aphrodisiaka der Neuen Linken zurückführen lassen, so unübersehbar ist zugleich, dass die innergesellschaftlichen Aufbrüche dieser Zeit vielfach die Schaumkronen einer revolutionären Rhetorik trugen.
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Der argumentative Umgang mit Gewalt war im Ganzen sowohl für Rechts- wie für Linksintellektuelle von hoher strategischer Bedeutung. Die diskursive Beschwörung und intellektuelle Ausdeutung von Gewaltverhältnissen war nicht nur in das Gesamtszenario einer als dramatisch dargestellten Umbruch- und Entscheidungssituation eingelassen, sondern tangierte unmittelbar das eigene Rollenverständnis und die eigenen Wirkungsambitionen. Allerdings ist bemerkenswert, dass sich weder in den 1920er- noch in den 1960er-Jahren eine Mehrheit der Intellektuellen dazu durchringen konnte, ihre revolutionär-militanten Phantasmagorien tatsächlich zu realisieren. Die meisten Propheten eines radikalen Weltensturzes schreckten schlussendlich vor der „Zerstörung der Grundlagen ihrer eigenen Existenz“57 zurück und wählten früher oder später eine - freilich mit den angenehmen Stacheln antiintellektueller und antibürgerlicher Selbstverachtung ausgestattete - bürgerliche Sekurität; Ausnahmen wie Ernst Niekisch oder Ulrike Meinhof bestätigen diese Regel. Dass andere Bevölkerungsteile diese Koketterie mit der Gewalt kaum so mühelos abstreifen konnten, sondern in oft verhängnisvoller Weise in das intellektuelle Spiel mit einer Krisen- und Revolutionssemantik verstrickt wurden, gehört demgegenüber zu den noch nicht hinreichend ausgeleuchteten Kapiteln der deutschen Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhunderts.
Marcus M. Payk, Faszination der Gewalt: Konservative Revolution und Neue Linke, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 5 (2008) H. 1, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Payk-1-2008Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.