Marilyn Ferguson, The Aquarian Conspiracy. Personal and Social Transformation in the 1980s, Los Angeles: Tarcher 1980; dt.: Die sanfte Verschwörung. Persönliche und gesellschaftliche Transformation im Zeichen des Wassermanns, Basel: Sphinx/München: Knaur 1982; zahlreiche weitere Auflagen. Die Zitate im folgenden Text sind der deutschen Erstausgabe entnommen.
Wie viele andere, inzwischen zumeist und zu Unrecht als randständig behandelte Ideenlieferanten in der Bundesrepublik Deutschland der 1970er- oder 1980er-Jahre ist auch die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Marilyn Ferguson bislang noch kaum in den Genuss historiographischer Weihen gekommen. Im Gegensatz zu den Meisterdenkern der Frankfurter Schule oder liberalen und konservativen Cheftheoretikern sind Ferguson und andere Bezugsgrößen der „Gegenkultur“ und „alternativer“ Lebensweisen nach „1968“ selten zum Gegen-stand der Zeitgeschichtsschreibung geworden – zumal sich diese erst seit wenigen Jahren verstärkt Fragen der Religion zuwendet.1 Obwohl „Die sanfte Verschwörung“ in deutscher Übersetzung bis 1989 acht Auflagen erreichte und vom „Spiegel“ sehr treffend als „New-Age-Bibel“ bezeichnet wurde,2 findet sich in keiner der großen Überblicksdarstellungen zur Geschichte der Bundesrepublik auch nur ein kurzer Verweis auf dieses Vademekum esoterischer Praktiken und Diskurse.
Ferguson teilt in dieser Hinsicht das Los anderer Referenzgrößen des „Neuen Zeitalters“, zum Beispiel des österreichisch-amerikanischen Atomphysikers Fritjof Capra oder des westdeutschen Parapsychologen Elmar Gruber. Nicht nur aus kompensatorischen, sondern vor allem aus heuristischen Gründen sollte die Zeitgeschichtsschreibung ehedem sehr populäre Werke wie „Die sanfte Verschwörung“ jedoch nicht länger als irrelevant abtun. Sie bilden nämlich ein vielstimmiges Gegengewicht zum vermeintlichen „Ende der Zuversicht“ (Konrad H. Jarausch) im Zeitalter „nach dem Boom“ (Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael) und erlauben in diesem Zusammenhang einen facettenreichen Einblick in die Kulturgeschichte der Bundesrepublik nach „1968“.3 Insbesondere drei wichtige Entwicklungsfelder der 1970er- und vor allem der 1980er-Jahre lassen sich anhand dieser Anleitung zur – so der Untertitel – „persönlichen und gesellschaftlichen Transformation“ historisch beobachten und kritisch befragen: das Selbst und der Körper auf der einen, die Politik auf der anderen Seite.
Es wäre jedoch übertrieben und teilweise auch falsch, wollte man behaupten, „Die sanfte Verschwörung“ hätte eines dieser Entwicklungsfelder erstmals für die „New-Age-Bewegung“ entdeckt oder gar erschlossen – zur „New-Age-Bibel“ konnte dieses Buch in den 1980er-Jahren vielmehr nur deshalb avancieren, weil sich esoterische Praktiken und Diskurse im religiösen Feld der Bundesrepublik in den 1970er-Jahren bereits konstituiert hatten.4 Ferguson bündelte diese Trends aber in ebenso umfassender wie eingehender Weise. Kein anderer Esoterik-Klassiker – mit Ausnahme von Capras wenig später erschienener „Wendezeit“5 – verstand es, so viele und so unterschiedliche Aspekte des „Neuen Zeitalters“ konzentriert zu beschreiben und zugleich engmaschig miteinander zu verknüpfen, meist unter Rückgriff auf die vermeintlich bedeutendsten „Neuigkeiten von der vordersten Front der Wissenschaft“ auf dem Gebiet der Systemtheorie, der Netzwerkforschung und der Neurowissenschaften (S. 167). Die esoterischen Praktiken und Diskurse, denen Ferguson in diesem Rahmen Gestalt und Gewicht verlieh, entzogen sich eindrucksvoll der im Kontext der Säkularisierungsthese stereotyp herbeizitierten Gegenüberstellung von Wissenschaft und Religion.
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Es verwundert daher allenfalls zu Beginn, dass „Die sanfte Verschwörung“ mit weit verzweigten Überlegungen zur „Evolution“ bzw. „Transformation des Bewußtseins“ einsetzte und diese ganz selbstverständlich auf die angeblich jüngsten Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften bezog (S. 77).6 Vor diesem Hintergrund wurde das „New Age“ zeitgenössisch sehr häufig als „Bewusstseinsrevolution“ beschrieben und beworben. Genau genommen hätte man von einer „Selbstbewusstseinsrevolution“ sprechen müssen, denn es ging nicht so sehr – wie insbesondere noch innerhalb der Studentenbewegung um „1968“ – um ein geschärftes Bewusstsein von der Gesellschaft: Die „wahre Entfremdung in unserer Zeit“, so Ferguson kurz und bündig, sei schließlich „nicht die Entfremdung von der Gesellschaft, sondern jene vom Selbst“ (S. 85). Zum Leitmotiv esoterischer Praktiken und Diskurse entwickelte sich dementsprechend der Auftrag zur „Selbstfindung“ – zur „Selbsterkenntnis“ und „Selbstverwirklichung“.7„Die sanfte Verschwörung“ konnte dabei teilweise an Vorläufer innerhalb der „Gegenkultur“ der 1960er-Jahre anschließen und schrieb sich diesbezüglich nicht nur bruchlos in das Authentizitätsphantasma innerhalb der „Alternativkultur“ der 1970er- und 1980er-Jahre ein.8 Zu untersuchen wären vielmehr auch die zahlreichen Verbindungen zur Ökonomisierung von Selbstverhältnissen in der Gegenwart.9
Innerhalb des religiösen Feldes der Bundesrepublik in den 1970er- und 1980er-Jahren gewann der Auftrag zur „Selbstfindung“ sehr rasch an Bedeutung – auch innerhalb der beiden großen Kirchen.10 In kaum einem anderen Bereich wurden nach „1968“ so unterschiedliche Selbsttechniken so vielfältig diskutiert, erprobt und abgewandelt wie unter dem weiten Dach des „Neuen Zeitalters“: von Meditationspraktiken und Atemübungen über Ernährungsweisen und Psychotherapien, Gruppentanz und Biofeedback zu Yoga oder Tantra.11 Neben den Auftrag zur „Selbstfindung“ trat in diesem Zusammenhang der Anspruch auf „Ganzheitlichkeit“.
In das Fadenkreuz der Aufmerksamkeit geriet dabei vor allem der Körper, seine intensive Wahrnehmung und permanente Gestaltung. Ferguson betonte an dieser Stelle: „Mehr Bewußtsein bedeutet mehr Bewußtsein des Körpers.“ (S. 117) Gerade im Hinblick auf körperliche oder geistige Krankheiten bzw. deren Heilung erhoffte sie eine Überwindung der tradierten Unterscheidung von Körper und Geist: „Jede Krankheit“, so schrieb sie, „entsteht im Körper/Geist.“ (S. 297) Ferguson propagierte daher Selbsttechniken bzw. Körpertechniken,12 die „den Körper neu strukturieren“ sollten (S. 117). Und mit großer Genugtuung meinte sie zu beobachten, wie „ein wesentlicher Bereich der Gesellschaft, das Gesundheitswesen, bereits damit begonnen [habe], eine bedeutende Veränderung durchzumachen“ – in Richtung „Alternativmedizin“ (S. 283). Weder die Fitnessobsessionen seit den 1970er-Jahren noch der Siegeszug von Bioprodukten seit den 1990er-Jahren lassen sich daher ohne eine Auseinandersetzung mit esoterischen Praktiken und Diskursen angemessen verstehen.
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Zwar wurde der Körper nirgends innerhalb des religiösen Feldes der 1970er- und 1980er-Jahre so grundlegend ins Zentrum des Interesses gerückt wie im Fall der Esoterik: in Form von Wochenendseminaren und Abendkursen, Trennkost und Naturkosmetik, Entspannungstrainern oder Heilpraktikern. Doch zählt „Die sanfte Verschwörung“ nicht zur Ratgeberliteratur im engeren Sinne und war daher streng genommen weniger eine Anleitung zur „persönlichen und gesellschaftlichen Transformation“ als vielmehr deren ausführliche und wohl unterrichtete Herleitung. Der Körper nahm innerhalb dieser Herleitung eine Scharnierfunktion ein – zwischen dem Selbst auf der einen und der Gesellschaft auf der anderen Seite. Obwohl sich die Aufmerksamkeit der „New-Age-Bewegung“ in erster Linie auf das Selbst und nicht auf die Gesellschaft richtete, betonte Ferguson, dass „das Selbst und die Gesellschaft untrennbar [seien]. Irgendwann muß jeder, der sich mit der Transformation des Individuums beschäftigt, zum gesellschaftlichen Handeln übergehen.“ (S. 221) Die Menschen sollten daher nicht nur ihr Selbst „heilen“, sondern auch „Heiler der Gesellschaft“ werden (S. 242).
Vor diesem Hintergrund ist es fragwürdig, das „New Age“ als unpolitisch zu verurteilen und dabei die Studentenbewegung um „1968“ gegen esoterische Praktiken und Diskurse in Anschlag zu bringen.13 In genau diesem Sinne wurde das „Neue Zeitalter“ von Ferguson – aber auch von vielen anderen14 – als „Gegenkultur“ beworben (S. 240). Sie begriff das „New Age“ als „andersartige Revolution, mit andersartigen Revolutionären“ (S. 28). So feierte Ferguson das „New Age“ auch als einen „Paradigmenwechsel in der Politik“ (S. 228) – „nicht durch Revolution, sondern durch Selbständigkeit“ sollten und könnten die Menschen zum „Heiler der Gesellschaft“ werden. Dies bezeichnete sie als „Aikido-Politik“ (S. 281ff.). Wenn von „Politik“ die Rede war, so zielte „Die sanfte Verschwörung“ gerade nicht auf die „große Politik“ von Regierungen und Parteien, sondern auf eine „Politik im weitesten Sinne“. Eine solche Politik war vor allem Biopolitik „im Dienst des Lebens“ (S. 220) und richtete sich besonders auf das Gesundheitswesen und den Umweltschutz – sehr häufig im direkten Kontakt mit den sich zeitgleich formierenden „GRÜNEN“.15
„Den wichtigsten Wechsel im politischen Denken“ nach „1968“ verband Ferguson dabei mit den Begriffen des „Systems“ und des „Netzwerkes“ (S. 242). Im Hinblick auf die beanspruchte „Ganzheitlichkeit“ unterstrich sie, dass auch das Gehirn ein System bzw. ein Netzwerk sei. Statt Regierungen und Parteien oder andere hierarchische Organisationen propagierte die „New-Age-Bewegung“ – vermeintlich oder tatsächlich – „atypische Organisationen“ (S. 26). Ferguson sprach von „Netzwerken der Verschwörung“ als „Experimenten zur Transformation“. Angepriesen wurden „Selbsthilfegruppen“, die „plötzlich auftreten und ebenso plötzlich [auch wieder] verschwinden“ sollten (S. 239). Das „Neue Zeitalter“ war somit keineswegs unpolitisch – es war lediglich anders politisch als die „große Politik“ und unterhielt dementsprechend wiederum zahlreiche Verbindungen zur „Alternativkultur“. Neben Stilisierungen und Inszenierungen gilt es hier, einen zeithistorisch relevanten Gestaltwandel nicht nur der Religion, sondern auch der Politik unvoreingenommen zu verzeichnen und genauer zu untersuchen.
Pascal Eitler, Die „New-Age-Bibel“. Marilyn Ferguson und „Die sanfte Verschwörung“, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 7 (2010), H. 3, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Eitler-3-2010 Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.