Mit dem Übergang zum 21. Jahrhundert stellt sich die Frage nach den spezifischen Konturen des vergangenen 20. Jahrhunderts. Je nach Perspektive lassen sich unterschiedliche Aspekte herausarbeiten, die das letzte Jahrhundert über die Epochengrenzen hinweg entscheidend geprägt haben. Wenn Zeithistoriker versuchten, das – „kurze“ oder „lange“ – 20. Jahrhundert auf einen Begriff zu bringen, nannten sie es beispielsweise das „Zeitalter der Extreme“,1 „A Century of Genocide“,2 das „Jahrhundert des Industrialismus“3 oder auch das „Zeitalter der (Hoch-)Moderne“,4 welches sich durch umfassendes technokratisches Ordnungs- und Planungsdenken ausgezeichnet habe.5 Unumstritten dürfte sein, dass der Fordismus und die damit verbundenen betrieblichen Rationalisierungsbewegungen ebenso zu den markanten Signaturen des vergangenen Jahrhunderts gehören wie die mit dem Fordismus verknüpfte Vision, gesellschaftliche Interessenkonflikte sozialtechnisch regulieren zu können. Darüber hinaus sollten die Volkswirtschaften, die Gesellschaften, die Städte und die Menschen analog zu den maschinengesteuerten Prozessen in den Fabriken rationalisiert werden, um eine größtmögliche Effizienz zu erzielen. Viele dieser technischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Bestrebungen verbanden sich bereits für die Zeitgenossen mit dem Namen des US-amerikanischen „Automobilkönigs“ Henry Ford.
Die Beiträge des vorliegenden Hefts beschäftigen sich mit einigen sehr unterschiedlichen Aspekten und Ausprägungen des Fordismus. Sie können, zusammengenommen, als Plädoyer dafür aufgefasst werden, das vergangene Jahrhundert auch als „fordistisches Jahrhundert“ zu markieren – und wollen gleichzeitig die Diskussion stimulieren über die verschiedenen historischen, teilweise bis in die Gegenwart wirkenden Phänomene, die als „fordistisch“ gekennzeichnet werden können.
1. Zur Multidimensionalität des Fordismus-Begriffs
Zwar waren Frederick W. Taylors „Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung“ schon 1913 auf Deutsch erschienen; sie wurden jedoch erst ab 1919 stärker in der Öffentlichkeit diskutiert. Henry Fords „Mein Leben und Werk“ fand ab der Wende von 1923/24, also nach dem Ende der Hyperinflation, auf den Büchertischen reißenden Absatz. Nicht zufällig wurde das Schlagwort „Fordismus“ wenig später, im Mai 1924, ausgerechnet in Deutschland geprägt, und zwar durch den Ford-Enthusiasten Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld, der zunächst in Kiel und ab 1926 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin Volkswirtschaft lehrte.6
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„Fordismus“ als Schlagwort überschnitt sich in starkem Maß mit den allgemeiner gehaltenen Termini „Rationalisierung“ und „Effizienz“. Diese Begriffe sind historisch und disziplinär nicht eindeutig gebunden und lassen vielfältige Konnotationen zu, die hier nicht entfaltet werden können. Mit Blick auf das 20. Jahrhundert muss jedoch festgehalten werden: „Rationalisierung“ und „Effizienz“ weisen ein Janusgesicht auf; in ihren konkreten Formen zeugen sie immer auch von den Ambivalenzen der Moderne. Sie schließen irrational anmutendes Denken und Handeln keineswegs aus. Bereits der Vater der modernen Rationalisierungsbewegung, der Rechtsextremist und Antisemit Henry Ford, personifizierte diese Ambivalenz wie kaum ein anderer.7
Im Laufe ihrer Rezeption und Aneignung degenerierten die Begriffe „Fordismus“ und „Taylorismus“ oftmals zu recht vagen Schlagworten. Zudem konnte die Aneignungsgeschichte der Konzepte und Visionen national sehr unterschiedlich sein, wie Volker Elis in diesem Heft am japanischen Beispiel zeigt. Dennoch lassen sich insgesamt sechs gesellschaftliche Bereiche ausmachen, die vom Fordismus geprägt wurden.
1.1. Materieller Kern der fordistischen und tayloristischen „Rationalisierung“ sind spezifische Aspekte der Modernisierung der innerbetrieblichen Produktionsprozesse und Arbeitsabläufe.8 Die mit dem Namen Henry Ford verbundene Einführung der Fließbandarbeit und der Produktstandardisierung (ab 1913/14) machte dabei nur einen Teil der Neuerungen aus. Ein anderer Teil war dem Ingenieur Frederick W. Taylor zu verdanken, dem Schöpfer der schon erwähnten „wissenschaftlichen Betriebsführung“.9 Seit den 1880er-Jahren hatte er bei Arbeitsvorgängen Bewegungsabläufe und deren zeitliche Dauer durch Beobachtungen und Berechnungen analysiert und auf dieser Basis ein System entwickelt, das Kriterien zur Bemessung von Arbeitsleistungen bereitstellte.10 Taylor, der zudem verbesserte Methoden der Produktionsplanung entwarf, war nicht der Einzige, der sich der Rationalisierung von Betriebsabläufen widmete.11 Doch es waren Taylor und etwas später insbesondere Ford, die zur Projektionsfläche für den neuen Zeitgeist wurden und für ein System technizistischer Rechenhaftigkeit und Planung standen, das enthusiastisch gestimmte Zeitgenossen auch als „Technische Vernunft“ bezeichneten.12
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Fließfertigung setzt tayloristische Arbeitsanalyse und Zerlegung vormals komplexer Arbeitsgänge voraus.13 Während bei Taylor und dem nach ihm benannten „System“ die penible Einhaltung der Zeitvorgaben durch eine personalaufwändige Kontrolle seitens des betrieblichen Managements erreicht werden soll, wird sie bei Ford durch das laufende Band erzwungen. Wenn man vom Fordismus spricht, ist das tayloristische Element insofern stets mit enthalten.14
1.2. Die Rationalisierung der betrieblichen Produktionssphäre zog eine neue Personalpolitik nach sich, und zwar eine auf die veränderte Fertigungstechnik und Arbeitsorganisation abgestimmte, arbeitsplatzorientierte Zurichtung der Menschen. Die Taktung des Bandes und der Maschinen erforderte zumeist auf wenige Bewegungen reduzierte und sehr einförmige Handlungsabläufe. Es verwundert deshalb nicht, dass recht bald Verknüpfungen mit der experimentellen Psychologie zustandekamen, die ihrerseits zu Eignungstests führten. Das Ziel solcher Bestrebungen war ein optimiertes Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine.15
Flankiert wurden diese Bestrebungen schon seit den 1920er-Jahren durch eine betriebliche Sozialpolitik, die sich auf Erkenntnisse stützte, die die Arbeitswissenschaften und die Betriebspsychologie zur Verfügung stellten. Besonderer Wert wurde auf die Bildung von Werksgemeinschaften gelegt, etwa durch die Einführung von Betriebssport und Werkszeitungen. Auch erhielten Werkssiedlungen, die an sich Vorstellungen älteren Datums entsprungen waren, als Steuerungs- und Disziplinierungsareale eine erhöhte Bedeutung.16 Zudem wurde versucht, Einfluss auf die Privatsphäre der Arbeiter zu nehmen, deren Freizeit nicht zuletzt mit Hilfe der Ehefrauen so gestaltet werden sollte, dass am nächsten Tag optimale Arbeitsleistungen in der Fabrik erbracht werden konnten.17 Schon in der Weimarer Republik, aber noch mehr in der NS-Zeit legten Großunternehmen wie Siemens Wert darauf, „von einem eher äußerlichen Zugriff auf die Familie zu ihrer inneren Zurichtung auf den industriellen ‚Produktionsfluß‘“ überzugehen. Die „Rationalisierung der Daseinsgestaltung“ sollte, so resümiert Carola Sachse in ihrer Studie über das Verhältnis von sozialtechnischen Rationalisierungen und „moderner Familie“, die „industrielle Rationalisierung“ auch im Privaten ergänzen und abrunden.18 Die Lebensformen der Familien, vor allem diejenigen der Hausfrauen, gerieten unter Ordnungs-, Sauberkeits- und Tüchtigkeitskriterien ins Visier der so genannten Betriebspflegerinnen – und das gerade zu einer Zeit, in der viele ungelernte Frauen um (Band-)Arbeit in den Betrieben nachsuchten.
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1.3. Taylorismus und Fordismus erschöpften sich freilich nicht in betrieblichen und betriebsnahen Veränderungen. In großen Visionen griffen Ford und Taylor darüber hinaus, und dies gleichfalls auf mehreren Ebenen: Unterstützt und mitunter auch gelenkt wurden die verschiedenen Schwerpunkte tayloristischer und fordistischer „Rationalisierung“ durch Institutionen und Normbildungen, die vom Staat bzw. von überbetrieblichen Institutionen ausgingen. Dazu gehört zum Beispiel die Propagierung effizienter Rationalisierungskonzepte, wie sie für das „Reichs-“ bzw. „Rationalisierungskuratorium der deutschen Wirtschaft“ typisch wurden. Ebenso zu nennen sind überbetriebliche Initiativen zur Normung, Standardisierung und Typenbeschränkung, die bereits im Ersten Weltkrieg sowie während der Weimarer Republik zu beobachten waren und seit 1938 durch diverse Sonderbevollmächtigte forciert wurden. Zu denken ist des Weiteren beispielsweise an ähnliche Bestrebungen in Frankreich während der Zwischenkriegszeit19 und für die Zeit nach 1945 an die Neuerer-Bewegung in der DDR. Dabei ging es stets um Bemühungen, die eigene Volkswirtschaft durch überbetriebliche Rationalisierungsanstrengungen auf den Außenmärkten in eine günstige Position zu bringen bzw. in Kriegen alle volkswirtschaftlichen Kräfte optimal auszunützen.
1.4. Als „verwissenschaftlichte“ Organisation von Zeit und Raum wurde der Fordismus auf die gesamte Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft bezogen. Entsprechend den Vorstellungen Henry Fords ermöglichte die Fließbandproduktion die Herstellung standardisierter Massenware; dadurch sanken die Produktionskosten, und dies wiederum erlaubte eine generöse Lohnpolitik (Fünf-Dollar-Lohn) sowie einen Acht-Stunden-Arbeitstag. Falls diese Prinzipien national verallgemeinert würden – so postulierte Ford –, würde sich die Massenkaufkraft kontinuierlich steigern lassen, und schließlich könne allen Bevölkerungsschichten das Glück des Massenkonsums zuteilwerden. Nach Auffassung des „weißen Sozialisten“ Ford konnten die gegensätzlichen Interessen von Kapital und Arbeit ohne Veränderung der Eigentumsverhältnisse dauerhaft miteinander versöhnt werden – eine Hoffnung, der auch die reformistisch gesinnten Gewerkschaften anhingen.
Daran knüpften später die Vertreter der so genannten Regulationstheorie an, die sich als Theoretiker gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen und Konstellationen zunächst im planungsfreudigen Frankreich seit den 1970er-Jahren einen Namen machten.20 Nach ihrer Auffassung zeichneten sich die (späten) 1950er-, die 1960er- und die frühen 1970er-Jahre durch eine „fordistische Organisationsweise der Gesellschaft“ aus.21 Diese wenig vereinheitlichte, auf marxistischen Grundannahmen beruhende politikökonomische Theorie analysiert die diversen Formen institutionell verankerter „Regulation“, die der Stützung des „Akkumulationsregimes“ dienten, sowie verschiedene Formen ordnungs- und strukturpolitischer Regulierungen, die günstige Rahmenbedingungen für die Wirtschaft schufen. Merkmale der „fordistischen Phase“22 seien Massenproduktion und Massenkonsum sowie eine sozialverträgliche Stabilisierungsstrategie, die auf keynesianischer Fiskalpolitik und auf einem Neokorporatismus beruhe, in deren Verlauf die Sozialversicherungssysteme ausgebaut worden seien. Neben der Verklammerung von Wirtschaft und Staat habe auch die Ausgestaltung der industriellen Beziehungen, vor allem das Tarifvertragswesen, dem Leitbild einer kompromissbereiten Sozial- bzw. Konfliktpartnerschaft entsprochen und eine Kohäsion der Gesellschaft bewirkt.
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Die Kennzeichnung jener Zeit als „fordistische Phase“ besage nicht, dass damals keine anderen Produktionsformen existiert hätten, sondern hebe hervor, dass eine „bestimmte Form des Produktions- und Arbeitsprozesses die Hauptquelle der gesellschaftlichen Dynamik“ gewesen sei.23
1.5. Schon Taylor und Ford weiteten ihre am Kriterium der Effizienz orientierten Produktionsgrundsätze in Analogieschlüssen auf außerbetriebliche, d.h. auf öffentliche Aufgabenbereiche aus.24 Für solche Übertragungen schuf der österreichische Soziologe und Philosoph Rudolf Goldscheid bereits 1912 den Begriff der „Menschenökonomie“.25 Heute spricht man häufiger vom Sozialfordismus, von Sozialrationalisierung oder social engineering.26 Auch die als chaotisch interpretierten Städte gerieten rasch ins Visier der Reformer. „Eine Stadt ist ein volkswirtschaftlicher Betrieb, der ähnlich funktioniert wie eine Fabrik“, meinte beispielsweise der Architekt und Stadtplaner Fred Forbat.27 Der einflussreiche Architekt und Städtebauer Le Corbusier sowie der Bauhaus-Gründer Walter Gropius, der sich selbst gern als „Wohn-Ford“ stilisierte,28 traten beide mit viel Verve für den Bau von „Wohnmaschinen“ ein und kennzeichneten diesen Schritt als einen kulturellen Befreiungsakt.29 Das Bauhaus verfolgte nach 1925 mit Blick auf den künftigen Wohnungsbau gezielt „die Analogie zur Fabrik“.30 Standardisierung, Rationalisierung und Normierung sollten das Alltagsleben auch im Haushalt formen und zur Herausbildung eines neuen Menschen beitragen, wie Christoph Bernhardt und Elsa Vonau im vorliegenden Heft verdeutlichen.31
Die konzeptionelle Ausweitung des Fordismus auf andere Gesellschaftsfelder entsprang keinem Masterplan, sondern war einer verwissenschaftlichten Denkrichtung verpflichtet,32 die von vielen Sozialexperten getragen wurde und sich in unterschiedlichen Reformansätzen niederschlug. In Abkehr vom evolutionären, liberalen Fortschrittsdenken des 19. Jahrhunderts entstand ein fortschrittsorientierter Machbarkeitsglauben, der seinerseits ältere Wurzeln hatte, aber sein Durchsetzungspotenzial auf der Basis ‚wissenschaftlich‘ untermauerter Sozialtechnologien erhöhen konnte, wie sie der Fordismus/Taylorismus zur Verfügung stellte. Der Sozialfordismus sparte keinen gesellschaftlichen Bereich aus. Er tangierte die Sozial- und Gesundheitspolitik genauso wie die Sozialhygiene, die Eugenik, die Bevölkerungspolitik sowie nicht zuletzt die Raum- und Stadtplanung.33
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1.6. Die von Taylor und Ford stimulierte Technik- und Maschinenbegeisterung übertrug sich in verschiedenen Ländern sogar auf die ästhetischen und kulturellen Ausdrucksformen.34 Zu denken ist beispielsweise an den schon vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen italienischen Futurismus, an den russischen Konstruktivismus der frühen Nachkriegszeit sowie das Industriedesign in den USA und anderswo.35 Der fordistisch geformte Zeitgeist prägte auch die in Revue-Theatern auftretenden „Tiller-Girls“, ferner herausragende Filme wie „Metropolis“ (1927) oder – in bitter-satirischer Weise – Chaplins „Moderne Zeiten“ (1936) sowie Aldous Huxleys utopischen Roman „Brave New World“ (1932).36 Daneben sind auch moderne Formen des Massentourismus als Ausdruck eines kulturellen Fordismus interpretiert worden; das von der Deutschen Arbeitsfront erbaute Seebad Prora auf der Insel Rügen bietet hierfür ein frühes und besonders eindrucksvolles Beispiel.37
Als vorläufiges Fazit kann festgehalten werden, dass sich der betriebsökonomische Fordismus wie der Sozialfordismus durch reine Zweckrationalität und eine bloß instrumentelle Vernunft auszeichnen,38 weswegen ihnen eine gesellschaftspolitische Polyvalenz eigen ist. Gemeint ist damit, dass der (Sozial-)Fordismus mit diversen Ordnungssystemen und unterschiedlichen politischen Richtungen kompatibel war und ist. Deshalb sollte es nicht verwundern, wenn (sozial)fordistische Entwicklungen sowohl in den demokratisch verfassten USA im Rahmen einer marktorientierten Kultur zum Zuge kamen als auch in der kommunistischen Sowjetunion39 sowie in der rassistisch geprägten NS-Diktatur.40
2. Zum historischen Wandel und zur Zukunftsfähigkeit des Fordismus
Innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses ist der Begriff „Fordismus“ in der politik- und sozialwissenschaftlichen Literatur sowie in der Stadtplanungs- und Architekturgeschichte bisher deutlich stärker verbreitet als in der allgemeinen historiographischen Fachliteratur. Dabei fällt auf, dass Politik-, Sozial- und WirtschaftswissenschaftlerInnen den Fordismus vorrangig auf die (späten) 1950er- bis (frühen) 1970er-Jahre beziehen, d.h. eher auf eine Phase ohne einschneidende geschichtliche Brüche. HistorikerInnen stehen demgegenüber vor der Aufgabe, zu analysieren, wie sich die scharfen politischen und ökonomischen Brüche, die das 20. Jahrhundert insgesamt kennzeichnen, auf das fordistische wie tayloristische Produktionsregime ausgewirkt haben – und ebenso auf die angesprochenen, über den Einzelbetrieb hinausweisenden Bereiche eines wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und staatlichen (Sozial-)Fordismus.
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Zu allen Zeiten und in allen politischen Systemen des 20. Jahrhunderts hat es auch viele nicht-fordistisch oder nur partiell fordistisch geprägte Produktionsweisen und Arbeitsverhältnisse gegeben. Das fordistische Leitbild konnte sich eben nur dort durchsetzen, wo die branchen- und betriebsspezifischen Strukturen, die Marktaussichten sowie die allgemeinen Rahmenbedingungen dem entgegenkamen.41 Aus unserer Sicht geht es allerdings nicht primär um die Frage, ob eine flächendeckende und einheitliche Verbreitung fordistischer Konzepte erfolgte – auch der Begriff „Industrialismus“ erfasst ja nicht die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft.42 Entscheidend ist vielmehr die lange Zeit zukunftsweisende Dominanz und große diskursive Prägekraft des Produktionskonzepts „Fordismus“, das eine auf Massenkonsum gestützte immerwährende Prosperität zu versprechen schien. Diese Deutungskraft schwächte sich seit der Mitte der 1970er-Jahre, in der so genannten postfordistischen Phase, beträchtlich ab. Seither ist eine neue Unübersichtlichkeit von mehr oder weniger innovativen Produktionskonzepten entstanden, einschließlich reaktualisierter Taylorismus-Strukturen und weiterhin existierender fordistischer Arbeitsplätze.43 Gerade diese Unübersichtlichkeit hat die Frage nach der „Zukunft der Arbeit(sgesellschaft)“ aufgeworfen, aber auch entsprechende geschichtswissenschaftliche Forschungen intensiviert. So treten Probleme der Wirtschafts- und Sozialgeschichte wieder verstärkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit – nicht auf Kosten kulturgeschichtlicher Zugänge, sondern durchaus in Verbindung mit ihnen.
Für HistorikerInnen hat die Vielschichtigkeit des Phänomens „Fordismus“ einen besonderen Reiz: Der Fordismus ist einerseits immer noch gegenwärtig (wenn es etwa um die Krisenbewältigung in der Autoindustrie geht), andererseits ein Gegenstand der Geschichte. Er weist nationale wie transnationale Dimensionen auf44 und bestimmte zeitweise stark die öffentlichen Debatten. Er verband die Produktionssphäre, die öffentliche Sphäre und die Privatsphäre miteinander; er beeinflusste staatliche Aufgabenbereiche sowie kulturelle Ausdrucksformen und Praktiken. Er konnte in diverse politische Regime integriert werden und leistete seinen Beitrag sowohl zur Kriegs- als auch zur Friedenswirtschaft. Er war durch Ambivalenzen gekennzeichnet, etwa in seinen Einwirkungen auf das Geschlechterverhältnis. Weitere Ambivalenzen werden deutlich, wenn der Blick auf die Entwicklung der Massenkonsumgesellschaften fällt. Denn der Fordismus schuf einen neuartigen, weltumspannenden Zusammenhang mit erheblichen, wenn auch ungleich verteilten Wohlstandsgewinnen. Ins Zentrum des Diskurses über diese Form von Transnationalität werden freilich in zunehmendem Maße die „globalen Kosten des Fordismus“ gestellt. Gemeint ist damit nicht zuletzt der hohe Ressourcenverbrauch, den die Massenproduktion und ein ungezügelter Massenkonsum der Industriegesellschaften nach sich gezogen haben.45 Die Frage, welches Erbe der Fordismus hinterlässt – falls man ihn angesichts der Ungleichzeitigkeiten der Weltökonomie und Weltgesellschaft überhaupt schon als abgeschlossene Epoche bezeichnen will –, bleibt offen und wird wohl erst von künftigen Historikergenerationen beantwortet werden können.
Adelheid von Saldern/Rüdiger Hachtmann, Das fordistische Jahrhundert: Eine Einleitung, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 6 (2009), H. 2, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Editorial-2-2009 Beim Zitieren einer bestimmten Passage aus dem Aufsatz bitte zusätzlich die Nummer des Textabschnitts angeben, z.B. 12 oder 14-16.