Die Unmöglichkeit des Dritten

Peter Handke, die Jugoslawienkriege und die Rolle der deutschsprachigen Schriftsteller

Anmerkungen

Wer die Skandalchronik der deutschsprachigen Literatur der 1990er-Jahre nach einigen Jahrzehnten noch einmal durchblättern würde, könnte sich des Eindrucks kaum erwehren, die Literatur und das Feuilleton seien damals politisch ungemein heiß umkämpfte Sphären gewesen: Von Christa Wolfs „Was bleibt“ (1990) über Günter Grass’ „Ein weites Feld“ (1995), Botho Strauß’ „Spiegel“-Essay „Anschwellender Bocksgesang“ (1993), Martin Walsers Friedenspreisrede (1998) bis zu Peter Handkes Jugoslawien-Texten (seit 1996) reicht das Spektrum politischer Debatten, denen literarische Texte oder Einlassungen von Literaten die Vorlagen lieferten. Mit Strauß, Handke, aber auch Wim Wenders und Peter Sloterdijk schien sich gar ein „gnostisches Quartett“ konspirativer ‚Rechtsintellektueller‘ (gegen das ‚Frankfurter System‘ der Erben der Kritischen Theorie) zu formieren, das den linksliberalen Konsens der ‚alten‘ Bundesrepublik torpedierte. Peter Sloterdijk, von dem diese pointierte Formulierung in nicht zuletzt eigener Sache stammt, hat in seinem 1996 erschienenen Essay „Selbstversuch“ das Gemeinsame im Denken der hier Versammelten durch eine „Neigung zu Randgängen“, den Mut zum „Pathos“ und zum hohen Stil definiert.1 Dass diese „Randgänge“ oft auf Terrains führten, die mit politischen oder ethischen Tabus belegt waren - deutsches Nationalbewusstsein bei Strauß, das Ressentiment gegen die „Monumentalisierung der Schande“ durch das Berliner Holocaust-Denkmal bei Walser2 -, rechneten sich die Autoren meist als subjektive Couragiertheit an, während eine erregbare Medienöffentlichkeit sie für das Brechen des consensus omnium persönlich haftbar machte.

Dieser Eindruck ist indes umso unwahrscheinlicher, als gleichzeitig - im Rückblick auf eine bis in die friedensbewegte erste Hälfte der 1980er-Jahre reichende Zeitspanne weit größerer Nähe von Literatur und Politik - allenthalben der Rückzug der Intellektuellen und Literaten aus der Politik und ihr Einzug in neue ‚Elfenbeintürme‘ konstatiert worden ist.3 Tatsächlich scheinen die meisten der aufgeführten ‚Skandale‘ bei näherem Hinsehen auch kaum als Auslöser kontroverser meinungsbildender Debatten, sondern nicht zuletzt als medial verstärkte oder gar generierte Ereignisse, welche die weitgehende öffentlich-politische Zurückhaltung oder den Meinungsverzicht deutschsprachiger Literaten für einen kurzen Moment unterbrachen. Während auf der einen Seite eine Vervielfältigung der Podien und medialen Kanäle zu verzeichnen ist, die öffentlichen Meinungsäußerungen von Literaten zur Verfügung stehen, bleibt das Interesse, in gesellschaftlich-politischen Verständigungsprozessen zu intervenieren, oft genug aus oder verbraucht sich in eher risikolosen Vergangenheitsdebatten.4 Das ‚politische‘ Ereignis der 1990er-Jahre, dem gewiss die größte und öffentlichkeitswirksamste, freilich auch späte Anteilnahme der Literaten zuteil geworden ist, war zweifellos die deutsche Rechtschreibreform: Soviel Widerstand, wie sich unter prominenten Schriftstellern gegen die reformierte Getrennt- oder Zusammenschreibung komplexer Verben regte, haben die Kriege auf dem Gebiet des ehemaligen Gesamtstaats Jugoslawien jedenfalls nie evoziert. Dass im Hinblick auf die postjugoslawischen Kriege der Vorwurf eines „Bankrott[s] der kritischen Intellektuellen“ erhoben worden ist, trifft die deutschsprachigen Literaten daher durchaus.5 Wenn es bis zum Nato-Einsatz im Kosovokrieg von 1999 überhaupt eine öffentliche, in Teilen kontroverse Debatte unter deutschsprachigen Literaten über die postjugoslawischen Kriege gab, so war sie eine Debatte um Peter Handke.

1. Aussichten auf die Jugoslawienkriege

Seit Anfang der 1980er-Jahre hatte sich der Abstand zwischen Politik und intellektuell-literarischer Kultur vergrößert. Anders als etwa in Frankreich6 zeigte sich dies an den spärlichen Wortmeldungen von Schriftstellern zu den Kriegen. Aber die Gründe für das Schweigen liegen zum Teil in der Wahrnehmung des Krieges selbst. Denn der Krieg, der nach über 40-jähriger Absenz nach Europa zurückgekehrt war, mutete wie eine katastrophale Konkretisierung jener „neuen Unübersichtlichkeit“ an, von der Jürgen Habermas 1985 gesprochen hatte.7 „‚Sarajevo‘“, schrieb Juli Zeh noch in der bosnischen Reiseerzählung „Die Stille ist ein Geräusch“ (2002), „ist ein verwirrender Kampf, bei dem man nicht weiß, wem die Daumen gedrückt werden sollen.“8 Das lag nicht nur an der konstitutionellen Überforderung jeglicher Zeitgenossenschaft, in eventu bereits Einordnungen und Bewertungen formulieren zu sollen, die allenfalls post eventum hinreichend begründ- und belegbar sind.9 Mehr noch stand der intellektuellen Wahrnehmung des Krieges, die sich bislang stets an den ideologischen, ökonomischen und machtpolitischen Konflikten des 20. Jahrhunderts orientiert hatte, keine Matrix zur Verfügung, welche seine erneute Realität zu beurteilen half. Noch die militärische Reaktion auf die völkerrechtswidrige irakische Annexion Kuwaits im Jahr 1992 ließ sich auf den Nenner einer kapitalistische Marktinteressen wahrnehmenden US-amerikanischen Politik bringen, der es letztlich um den Zugriff auf ökonomische Ressourcen gehe („Kein Blut für Öl“). Die friedliche Vereinigung der beiden deutschen Staaten nach 1989 und die Erosion der Sowjetunion hatten zudem den Optimismus einer friedvollen Zukunft genährt, die den ‚heißen‘ Krieg in Europa auf Dauer expedieren würde und auch den ‚kalten‘ Krieg der machtpolitischen Blöcke auf absehbare Zeit beizulegen verhieß. Der Krieg jedoch, der infolge der Unabhängigkeitsbestrebungen der jugoslawischen Teilrepubliken 1991 begann, hat diesen Geschichtsoptimismus gründlich desillusioniert - und mit ihm das Konzept eines ‚posthistorischen‘ Zustands, in dem die bisher gekannte Form militärisch bewehrter Politik überflüssig geworden sei.10 Es gehört indes zu den Merkwürdigkeiten der zeitgeschichtlich-politischen Wahrnehmung, dass es dem Typ nach ‚alte‘ - ohne Hochtechnologiewaffen und Medien-Kontrolle geführte - Kriege waren, die den Krieg allmählich wieder ins Bewusstsein einer nahen Möglichkeit zurückgeführt und ihm sein erschreckendes Gesicht zurückgegeben haben.

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Hans Magnus Enzensbergers 1993 erschienener Essay „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ führt die Schwierigkeiten, sich zu diesen neuen alten Kriegen intellektuell und praktisch zu verhalten, exemplarisch vor. Enzensberger brachte seine Generalthese auf den diagnostischen Begriff einer „molekularen Gewalt“, die die ‚gehegten‘ Staatenkriege der Vergangenheit hinter sich gelassen habe: „In den Bürgerkriegen der Gegenwart ist jede Legitimation verdampft. Die Gewalt hat sich von ideologischen Begründungen vollkommen freigemacht.“11 Enzensberger verstand die ‚molekularen Bürgerkriege‘ als Eruptionen einer völlig programmfreien Gewalt, deren Akteure „Todesschwadrone, Neonazis und Schwarze Sheriffs“, aber auch unauffällige Bürger seien, „die sich über Nacht in Hooligans, Brandstifter, Amokläufer und Serienkiller verwandeln“.12 Diese atavistische, letztlich kontingente Gewalt, welche die dünne Kruste der Zivilisation durchbricht, sei zum „Retrovirus des Politischen“ geworden; die zeitgenössischen Kriege würden „ohne jeden Einsatz“ geführt, weil es „buchstäblich um nichts geht“.13 Sogar der islamistische Terrorismus exemplifizierte für Enzensberger - weit vor dem 11. September 2001 - den Autismus einer überzeugungslosen Gewalt,14 in der sich zerstörerische und selbstzerstörerische Kräfte durchdringen würden.

Angesichts solcher ungeordneter Gewaltverhältnisse erweise sich freilich jeder moralische Universalismus, der sich für Konfliktbefriedungen überall auf der Welt zuständig fühlt, als illusionär und naiv. Enzensberger votierte deshalb für einen verantwortungsethischen Gradualismus, dem die ‚einheimische‘ Gewalt, deren neue Geschichtszeichen Hoyerswerda, Rostock und Mölln heißen, buchstäblich näher liegt als die ‚auswärtige‘ Gewalt des allerdings beunruhigend nahen Krieges.15 Gerade der politische Attentismus der anderen europäischen Staaten gegenüber dem „Krieg in Jugoslawien“ wurde dabei zum tautologischen Argument: Das Abwarten habe deutlich „gezeigt, daß die Europäer weder willens noch fähig sind, den Frieden zu erzwingen“.16 Im Blick auf den nahen Bosnienkrieg zog Enzensberger eine Konsequenz, welche die politische Unzuständigkeit auf allerdings auch sachlich bemerkenswert unzuständige Weise begründete: „Bevor wir den verfeindeten Bosniern [!] in den Arm fallen, müssen wir den Bürgerkrieg im eigenen Land austrocknen. Für die Deutschen muß es heißen: Nicht Somalia ist unsere Priorität, sondern Hoyerswerda und Rostock, Mölln und Solingen. [...] Man muß kein Deutscher sein, und erst recht muß man nicht Englisch oder Latein können, um zu begreifen, was das heißt: Hic Rhodus, hic salta! First things first. Überall brennt es vor der eigenen Haustür.“17 Indem Enzensberger den ethisch-politischen Universalismus als „letzte Zuflucht des Eurozentrismus“ diskreditierte (und als säkulare Variante der christlichen Mission), begründete er eine weit stärkere Form der Selbstbezüglichkeit: einen „Isolationismus“ (Seyla Benhabib),18 dessen Zuständigkeitsradius sich auf die Probleme des ‚eigenen‘ Landes beschränkt. Mit der Maxime first things first, welche die rechtsradikale Gewalt prioritär auf die Agenda setzt, wäre freilich auch die Übersichtlichkeit gewohnter Gegnerschaften wieder hergestellt.

2. Der Gebrauch der Geschichte

Die Rückkehr des Krieges nach Europa hielt nicht nur ein ganzes Jahrzehnt in Atem,19 sondern markierte in gewisser Weise auch das Ende der deutschen intellektuellen Nachkriegszeit. Denn der Krieg ‚dekonstruierte‘ einen von politischen Realitäten bisher kaum in Frage gestellten Konsens, in dem die Formeln ‚Nie wieder Krieg‘ und ‚Nie wieder Auschwitz‘ zu koinzidieren schienen. Richard Herzinger hat 1996 den deutschen Intellektuellen ‚nach Srebrenica‘ aufgrund ihres Schweigens zu Krieg und Vertreibung erneut den Vorwurf des Versagens gemacht - und zugleich die Gründe zu klären versucht, warum es so schwerfiel, „den Krieg als Ernstfall zu denken“:20 Zwischen den für übereinstimmend gehaltenen Maximen, die die Erinnerung des Genozids an den europäischen Juden mit der grundsätzlichen Ablehnung des Krieges verbanden, ergab sich auf einmal ein Widerspruch, der selbst angesichts des unter den Augen der Unprofor-Schutztruppen verübten Massakers in Srebrenica die Bereitschaft zu reagieren lähmte. Aus dem ethischen Anathema über den Krieg, so Herzinger, sei ein „erbarmungsloser Pazifismus“ geworden, der die praktische Konsequenz aus dem nationalsozialistischen Genozid gerade verhindert habe.21 Den Umstand, dass die Konsensformel ‚Nie wieder Krieg‘ „wohl nur im Land der Täter populär werden konnte“, während sich Opfer und Angegriffene ihrer mit Waffengewalt zu erwehren hatten, merkte später Peter Schneider in der Diskussion um den Kosovokrieg an.22 Die Herausforderung, das Denken des Krieges am nahen Ernstfall zu erproben, barg jedoch im Keim die Gefahr einer bellizistischen Austreibung der nach 1945 mühsam erreichten Bürgergesellschaft und Zivilität,23 wie die Diskussion um die out of area-Einsätze der Bundeswehr etwa in Somalia (ab 1992) zeigt.24

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Dass auch „keiner der berühmten, im ehemaligen Jugoslawien publizierten deutschen Autoren wie Grass, Heiner Müller oder Christa Wolf seine Stimme erhoben“ hat,25 erklärt sich zum Teil aus der von Herzinger analysierten Selbstblockierung eines Denkens, das sich den nahen Krieg als Verunsicherung unverrückbar geglaubter ethischer Normen vom Leib halten will. Tatsächlich wurden die Stimmen deutschsprachiger Schriftsteller erst zu einem späten Zeitpunkt zahlreicher und lauter, als nämlich die Bombardements der Nato 1999 gegen Ziele in Serbien bereits eingesetzt hatten. Aber auch diese kriegerische Intervention, die weder aus geostrategischen oder territorialen noch aus ökonomischen Motiven erklärt werden konnte, irritierte die bis dahin geltende Wahrnehmungsform kriegerischer Gewalt: ein „historisches Novum“, wie Enzensberger erstaunt feststellte.26 Dass es selbst zu den öffentlichen Stellungnahmen deutschsprachiger Literaten zum Kosovo-Krieg „nicht gekommen wäre“,27 wenn sie nicht von den Feuilletonredakteuren großer Zeitungen angeregt worden wären, verweist einmal mehr auf die generierende Rolle der Medien für intellektuelle Debatten und das geringe Positionierungsinteresse deutschsprachiger Schriftsteller, das ihr Verhältnis zur aktuellen Politik seit den 1980er-Jahren bestimmt.

Wenn in der politischen Diskussion um die militärische Option der Konfliktbeendigung in Bosnien die eine Forderung (‚Nie wieder Auschwitz‘) gegen die andere (‚Nie wieder Krieg‘) ausgespielt wurde, verband die politische Rhetorik mit der Referenz auf Täter, Taten und Opfer vor allem die Bilder und Begriffe des nationalsozialistischen Genozids.28 Dass sich mit historischen Analogien gegensätzliche Positionen begründen lassen, hat sich allerdings gerade in der schwierigen Positionierung der deutschen Politik zu den postjugoslawischen Kriegen gezeigt. Bis zum Kosovokrieg stimmten die meisten deutschsprachigen Schriftsteller offenbar in der Ansicht überein, es könne „nicht sein, daß deutsche Uniformen dort auftauchen, wo im Zweiten Weltkrieg die Wehrmacht und die Waffen-SS gewesen sind“, wie Günter Verheugen 1995 im Bundestag formulierte.29 Dass in den serbischen Internierungslagern in Bosnien und im Kosovo ein ‚neues Auschwitz‘ erstehe, gehörte dagegen zu den stärksten Argumenten für eine militärische Intervention. Die mehrheitlich zustimmenden Plädoyers deutscher Autoren zum Nato-Einsatz im Kosovokrieg hielten sich indes beim argumentativen Gebrauch der Vergangenheit zurück. Dass im serbischen Staatsfernsehen RTS Steven Spielbergs Film „Schindler’s List“ ausgestrahlt wurde, rechnete Herta Müller in ihrer Einlassung zum Kosovokrieg zu den sichtbarsten ‚Perversionen‘ der serbischen Kriegspropaganda.30

Peter Schneider sprach von „gesetzmäßig verunglückenden Auschwitz-Vergleichen“31 - zielte damit aber auf denjenigen prominenten Schriftstellerkollegen, der sich seit 1996 fast solitär auf die ‚serbische Seite‘ gestellt hatte. Dass die Bombardements der Nato „ein neues Auschwitz“ angerichtet hätten, hatte in der „Süddeutschen Zeitung“ im Mai 1999 Peter Handke behauptet: „Damals waren es Gashähne und Genickschußkammern, heute sind es Computer-Killer aus 5.000 Meter Höhe.“32 Im „Welt-Krieg gegen Jugoslawien“33 sah Handke eine historisch singuläre Gewalt, deren Maßstab allenfalls die Shoah angebe: „Das Volk aber, das in diesem Jahrhundert (nach den Juden) am meisten gelitten hat [...], das sind für mich die Serben.“34 Einen Umgang mit der deutschen Vergangenheit zu praktizieren, der die serbische Propaganda vom faschistisch unterworfenen „Opfervolk“35 fortschreibe und darüber die gewalttätige Gegenwart vergesse, hat der französische Philosoph Alain Finkielkraut Handke bereits nach Erscheinen des Essays „Eine winterliche Reise“ (1996) vorgeworfen.36 Dass Handke „Opfer zu Tätern und Täter zu Opfern“ transformiere, hat auch der Menschenrechtsaktivist Tilman Zülch noch gegen die Jury-Entscheidung des Düsseldorfer Heine-Preises für Handke 2006 eingewandt;37 ein Einspruch, der neben anderen zur Rücknahme eines der höchstdotierten deutschen Literaturpreise führte und damit eine Art ‚Meta-Skandal‘ produzierte.38

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Aber auch die kritische Diskussion um Handkes Jugoslawien-Texte war von solchen Analogisierungen geprägt. Der Schweizer Autor Jürg Laederach etwa verließ 1996 den Suhrkamp-Verlag, weil Handkes dort publizierte Texte „den Tatbestand der Volksverhetzung zwar nur zu achtzig Prozent“ erfüllten, dennoch aber „in die rechtsextreme Szene“ fielen.39 Gustav Seibt brachte in seiner Besprechung der „Winterlichen Reise“ Handkes ‚volkstümelnde‘ Reisebeschreibung mit dem „Wahn von Krieg und Blut und Boden“ in Verbindung, so dass Handke als Kombattant des ‚großserbischen‘ Phantasmas und Vertreibungskrieges erschien: „Serbien wird Deutschland, aber das alte, kriegerische.“40 Dass sich die Kontroverse um Handke in den beweglichen Schemata der nationalsozialistischen Vergangenheit bewegte, bestätigt die Schwierigkeit des intellektuell-literarischen Diskurses, die Wirklichkeit eines gegenwärtigen Krieges unabhängig von den Denkmustern eines vergangenheitsbezogenen Diskurses zu apperzipieren.

Cover einer Streitschrift von 2006 (siehe Anm. 38)
 

3. Peter Handkes ‚anstößige’ Reiseberichte

„Ich werde mich entschlossen verirren.“41

Die Debatte, die Handkes 1996 zuerst unter dem Redaktionstitel „Gerechtigkeit für Serbien. Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“ in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlichter Reisebericht ausgelöst hat, erscheint im Rückblick als eine Art Stellvertreterdebatte: Indem sie sich vor allem auf Handkes anstoß- und skandalgebende Texte bezog, nahm die Debatte um die Jugoslawienkriege den Charakter einer feuilletonistischen Literaturdebatte an. Der reale Kriegsschauplatz verdoppelte sich auf entlastende Weise durch den „Kriegsschauplatz Handke“, wie Michael Scharang 1999 in seiner Verteidigung des Autors festgestellt hat.42 Tatsächlich hat sich jedoch kein anderer deutschsprachiger Schriftsteller auf so eingehende Weise mit den postjugoslawischen Kriegen befasst wie Handke. Die Liste seiner einschlägigen, stets auch in Buchform publizierten Einlassungen ist inzwischen lang: Sie reicht von „Eine winterliche Reise“ (1996), deren Auftakt bereits der essayistische „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ (1991) über die Loslösung Sloweniens aus der jugoslawischen Völkergemeinschaft gegeben hatte, über den „Sommerlichen Nachtrag zu einer winterlichen Reise“ (1997), das am Wiener Burgtheater unter der Regie Claus Peymanns uraufgeführte Drama „Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg“ (1999), die nach dem Nato-Einsatz im Kosovokrieg entstandene Reiseerzählung „Unter Tränen fragend“ (2000) und die von den Jugoslawien-Prozessen in Den Haag handelnde Erzählung „Rund um das große Tribunal“ (2003) bis zu den „Tablas von Daimiel. Ein Umwegzeugenbericht zum Prozeß gegen Slobodan Milošević“ (2005). Ergänzt wird diese Reihe durch Interviews, in denen Handke seine Sichtweise und sein Selbstverständnis erläutert sowie die Anfeindungen seiner Kritiker - oft in aggressiver Weise - pariert hat.

Dass gerade Handke zur Hauptfigur einer zeitgeschichtlichen und politischen Debatte wurde, muss vom werkgeschichtlichen Verlauf seines Schreibens her eigentlich überraschen. Denn der „Götterliebling“ unter den Suhrkamp-Autoren,43 der selbstreflexive und narzisstische Vertreter einer literarischen ‚Innerlichkeit‘,44 hatte Stoffe und Themen der Zeitgeschichte bis in die Erzählprosa der 1990er-Jahre aus seinem ästhetischen Kosmos strikt ausgewiesen. „Was man Weltgeschichte nennt“, heißt es noch im 1994 erschienenen Großroman „Mein Jahr in der Niemandsbucht“, „sollte möglichst draußen bleiben, weniger aus meiner Abneigung oder meinem Mißtrauen gegen diese als aus meiner Schwäche, was nicht bloß sie, sondern darüber hinaus alle großen Ereignisse betrifft: Zwar nehme ich daran Anteil - und das Fernsehen verhindert nicht, daß meine Gefühle tiefgehen -, jedoch ich könnte dazu kaum etwas sagen, geschweige denn hinschreiben.“45 Mit derselben provokant apolitischen Attitüde, mit der der „Bewohner des Elfenbeinturms“ die Forderung nach ‚Engagement‘ provokant zurückwies,46 konzediert der Erzähler der „Niemandsbucht“ seine politische Unzuständigkeit und ästhetische Ohnmacht angesichts des „unendliche[n] Hindernislauf[s] der Welt“.47 Prägnant heißt es in der „Kindergeschichte“ (1981): „Schande über meine Beflissenheit vor eurer Aktualität! - So wurde es ihm allmählich zur Gewißheit, daß für seinesgleichen seit je eine andere Weltgeschichte galt, die ihm damals an den Linien des schlafenden Kindes erschien.“48 Unter die „eingeschworenen Geschichte-Muffel“ rechnete sich Handke noch 1990 im Nachwort zu Nicolas Borns Gedichten.49

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„Geschichtslosigkeit“50 und politische ‚Realitätsferne‘ des Schreibens wurden von Handke explizit affirmiert, zumal der ‚große‘ Geschichtsverlauf - der grand récit - dem Erzählen ohnehin auf Dauer entrückt bleiben müsse: Das „große Märchen der Welt, der Menschheit“51 bleibe unerzählbar. Die Zeitgeschichte war in Handkes Erzählen allenfalls anwesend durch eine markierte Abwesenheit, die (durch den Gestus der Abweisung) thematisch wird. Auf die Geschichte Jugoslawiens bezogen kündigte sie sich indes bereits in Handkes slowenischer Reiseerzählung „Die Wiederholung“ an, wo der Erzähler über einen Betenden im slowenischen Maribor, der „letzte[n] Station meiner jugoslawischen Reise“, schreibt: „Da erst riß es mich aus dem Traum von der Zeitlosigkeit, und ich bekam ein klares Bild der Geschichte, jedenfalls dieses Landes hier, und nicht etwa keine Geschichte wollte ich da, sondern eine andere, und der einzelne Andächtige erschien mir als deren Verkörperung, als deren Volk, hochaufgerichtet, wachen Sinnes, strahlend, gesammelt, unbeirrbar, unüberwindlich, kindlich, im Recht.“52

Den Eindruck einer akuten Transformation zum geschichtsinteressierten Erzähler hat Handke explizit unterstützt, als er im März 1996, gleich nach Erscheinen seiner „Winterlichen Reise“, in einem Interview bekannte: „Mein Schreiber-Leben hat einen Sprung bekommen. Einen Sprung wie bei einem Gefäß oder einen Sprung wie hic Rhodus, hic salta! - da bin ich mir selbst noch nicht sicher. Etwas wird dazukommen müssen, was ich immer abgelehnt habe: Historie. Geschichte. Oder es wird überhaupt nichts mehr sein.“53 Handkes hic Rhodus, hic salta! liest sich wie ein wörtliches, aber sachlich inverses Echo von Enzensbergers drei Jahre zuvor publiziertem Votum im Essay „Aussichten auf den Bürgerkrieg“, der mit derselben Formel gerade für die Unzuständigkeit in Hinsicht auf dieselben Vorgänge argumentiert hatte. Das Zeichen des „Sprungs“, in das Handke seine Hinwendung zur Zeitgeschichte stellte, kennzeichnet indes eine Ambivalenz: Einerseits markiert es eine Diskontinuität, andererseits aber eine Kontinuität und Konsequenz innerhalb seines Schreibens, die als Einstehen für ein bereits zuvor verfolgtes Konzept verstanden werden will.

„Kommt doch auch einmal zu uns / unser Lied ist ein schöner Schrei“ - mit diesem Vers zitiert Handke in seinem Bericht über den Milošević-Prozess in Den Haag den serbischen Lyriker, Erzähler und Essayisten Miodrag Pavlović.54 Dass Handke nach Serbien, also nicht an die ‚heißen‘ oder gerade erkalteten Kriegsschauplätze in Bosnien gereist ist, machte in den Augen seiner Kritiker das Skandalon seiner Texte aus. „Vor allem der Kriege wegen“ ist Handke erklärtermaßen nach Serbien gereist, in „das Land der allgemein so genannten Aggressoren“.55 Serbien aber sei gerade „das falsche Land“, wie der Menschenrechtsaktivist Tilman Zülch kritisierte.56 Zu einer „winterlichen Reise zu den Ufern der Flüsse Bosna, Una und Naretva nach Bosnien“, um die „Ruinenlandschaften dieses von Milošević mit Assistent Tudjman zerschlagenen Staates“ zu besichtigen, wurde Handke anlässlich der Lesungen aus seiner Reiseerzählung 1996 eingeladen.57 Im bewussten Absehen von den Opfern lauerte die Komplizenschaft mit der Gewalt. Mehr noch aber steckte in der Schilderung eines kriegfernen, friedfertigen serbischen Hinterlands, das unter den Wirkungen des Embargos leide, bereits ihre Apologie.

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Handkes Reiseberichte aus dem „Land der allgemein so genannten Aggressoren“58 sind nicht ohne zeitgeschichtliche Vor- und Nachbilder, an die in der Debatte erinnert wurde. Auf die „Glorifizierungen einst des Sowjetsystems durch manche Westreisende“ hat Handke selbst als fragwürdiges Pendant zu seinen eigenen Erkundungen in Serbien und im Kosovo hingewiesen, und die Kritik hat als Vergleichsbeispiele die Faschismus-Optionen Ezra Pounds und Louis-Ferdinand Célines ergänzt.59 Hinzuzufügen wäre der Fall des norwegischen Literatur-Nobelpreisträgers Knut Hamsun, der 1935 das nationalsozialistische Deutschland bereiste (und noch 1945 in der Zeitung „Aftenposten“ einen elegischen Nachruf auf Adolf Hitler schrieb). Zwar enthielt sich Handke des Paktierens mit der offiziellen Macht, doch bringt auch sein ‚Fall‘ in der öffentlichen Wahrnehmung eine gestörte Beziehung zwischen Ethik und Ästhetik zum Vorschein. Dass sich der Dichter auf die ‚falsche Seite‘ einlässt, macht das allen Vergleichsfällen gemeinsame Skandalon seiner Einlassungen zu den postjugoslawischen Kriegen aus. Dass angesichts der politischen Fragwürdigkeit von Handkes Position auch der ästhetische Wert seiner Texte gelegentlich in Zweifel gezogen wurde, zeugt von der Hartnäckigkeit der Behauptung, Literatur - respektive literarische Qualität - und ethisch-politische ‚Inkorrektheit‘ schlössen einander aus. In diesem Sinne hatte etwa Jean-Paul Sartre 1948 (übereinstimmend mit vielen anderen) geschrieben, der dialogische Charakter der Literatur und die Freiheit, die sie im Produktions- und Rezeptionsakt voraussetze, ließen ein ‚inhumanes‘ Kunstwerk nicht zu.60 Dass auch die Ideologie, die er im serbischen Präsidenten Milošević verkörpert sieht, mit ‚Literatur‘ prinzipiell unvereinbar sei, hat etwa der bosnische Autor Dževad Karahasan gegen Handkes Annäherung an den ehemaligen serbischen Machthaber ins Feld geführt.61

Aber Handkes Reiseberichte sind auch nicht ohne Nachfolger geblieben. In der linksliberalen französischen Zeitschrift „Marianne“ meldete sich im Mai 1999 der Philosoph und Medientheoretiker Régis Debray mit einem Reisebericht aus Serbien zu Wort, der ebenfalls von keinen serbischen Verbrechen zu berichten wusste, sich gegen eine „amerikanische“ Konfliktwahrnehmung wandte und kritisierte, dass die Nato-Bombardements die humanitäre Katastrophe im Kosovo erst ausgelöst hätten. In einem Buch von 2001 rechnete Debray mit den französischen ‚Medienintellektuellen‘ Alain Finkielkraut und André Glucksmann ab, die ihr Denken einem rechthaberischen Meinungsbetrieb überantwortet hätten. Der Typus des intellectuel terminal („I.T.“), der im Zentrum der Medien stehe, habe sich denkbar weit vom Typus des intellectuel original („I.O.“) entfernt, dessen Platz seit Émile Zola und seinem Engagement in der Dreyfus-Affäre stets im Abseits der dominanten Diskursmacht liege.62

Auch Handke knüpfte an dieses ‚originale‘ intellektuelle Selbstverständnis des dissidenten Außenseiters an, mit dem sich die moderne Literatur identifiziert.63 Selbst da, wo er die populären Medien (und zuletzt vor allem die serbischen Rundfunk- und Fernsehstationen) mit Stellungnahmen bediente, suchte er seine Rede jenseits der politischen Publizistik zu verorten und deren Konsens aufzubrechen. Diese Distanz und ‚Randgängigkeit‘ ist jedoch immer schon Bestandteil von Handkes Poetik gewesen: „[...] den Abstand wahren; umkreisen; umreißen; umspielen - deiner Sache von den Rändern her den Begleitschutz geben.“64 Im peripatetischen Duktus seines Erzählens intendiert Handke eine Art Gegen-Geschichte, die - zunächst durchaus unpolitisch - an die Gegenwart der Welt, auch die der unscheinbaren Dinge, erinnern will. In diesem Sinne verstand Handke seine Sammlung von Miniatur-‚Epopöen‘ „Noch einmal für Thukydides“ (1990), welche die literarische Großform des Epos herunterbrechen auf die sinnliche Konkretion alltäglich möglicher Erfahrungen, als Hommage an den Ahnherrn der modernen Historiographie.65 Die Aufmerksamkeit für das Unscheinbare impliziert eine Beobachtungsgenauigkeit, eine Autopsie des ‚authentischen‘ Blicks, die nicht zuletzt in zahlreichen sprachlichen Neuschöpfungen ihren Ausdruck sucht („andersgelbe Nudelnester“, „erzdunkler Eigenbauwein“ etc.).66 Sie stellt sich dem ‚Panorama‘ der Massenmedien entgegen, das eine trügerische Totalität der Wahrnehmung suggeriert. Es gehört indes zu den einschränkenden Bedingungen dieser Autopsie, dass Handke in Serbien vor allem die Bestätigung seiner Idee vom multiethnischen, ‚authentischen‘ Jugoslawien suchte und fand.67 Das Gespräch mit den ‚Dissidenten‘, der politischen Opposition suchte er dagegen nicht. „Das Land“ jedoch sagt diesbezüglich „gar nichts, es liegt und streckt sich nur um eins stummer“, aber „es bedeutet: Nein, nicht selber schuld! Nicht schuld! (Achtung: Antirationale Mystik!)“.68

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Gerade die Reise ins ‚Herz der Finsternis‘ hielt für Handke Lichtblicke eines modernitätskritischen Antikonsumismus bereit, der dem Selbstdarstellungs-interesse der serbischen Politik freilich kaum entsprochen haben dürfte. Was der Gegen-Chronist der „Winterlichen Reise“ im vom Krieg weitgehend unbehelligten serbischen Hinterland, fernab der medialen Repräsentation, findet und affirmiert, ist die frugale Ursprünglichkeit von „märchendicken Flußfischen“, „walddunklen massigen Honigtöpfen“ und „truthahngroßen Suppenhühnern“ - eine Epiphanie der Dinghaftigkeit jenseits von Markenartikeln und Massenproduktion.69 Der Reiseerzähler entdeckt den bukolischen Reiz einer embargobedingten Mangelwirtschaft: Dem in Trinkflaschen abgefüllten Benzin wird erneut die ontologische Würde seiner „Zeughaftigkeit“ (Martin Heidegger), eines „Bodenschatz[es]“70 zuteil. In dieser modernitätskritischen Dingmystik artikuliert sich ein durchaus modernes Bewusstsein vom Verlust der persönlichen Beziehung zwischen Menschen und Dingen, das nur darum nicht elegisch ist, weil Handke sie in Serbien wiederfindet. Es ist die ‚Schwere‘ des Seins und der Dinge als ‚geheimes‘ Gegenthema der Moderne,71 die Handkes Jugoslawien-Texte als buchstäbliches Gegengewicht zur ‚amerikanischen‘ Konsum- und Popularkultur in Stellung bringen: „Die Bomben haben immerhin bewirkt, daß wenigstens eine Jugend auf der Welt geheilt ist von CC und McD. - (Achtung, antiamerikanisch!).“72

Mit der Aufmerksamkeit für die unspektakulären ‚Nebensachen‘, die der massenmediale Diskurs aufgrund seines spektakulären Aktualitätszwangs systematisch unterschlägt, verknüpft Handke ein Prinzip der ‚poetischen Gerechtigkeit‘, das er als dem Erzählen inhärent postuliert: „Erzählung, nichts Weltlicheres als du, nichts Gerechteres, mein Allerheiligstes“, heißt es in kunstreligiöser Überhöhung in einer Apostrophe an den Geist der Erzählung in einem seiner früheren Texte.73 Die religiöse Dimension hat Handke auch in seinen Jugoslawien-Texten immer wieder bemüht. Dem „Allerheiligsten“ der Erzählung eigne eine sakramentale Kraft, die an die Gebetsformel der katholischen Gemeinde vor dem Empfang der Eucharistie anknüpfe: „Ich sage das Wort, und meine Seele ist geheilt.“74 Zeitgeschichte und Heilsgeschichte schließen sich zusammen: Die Serben erscheinen Handke als „Märtyrervolk“, als ein „Volk Hiob“,75 „ein schwerschuldbeladenes, eine Art Kainsvolk“,76 das deshalb aber - der biblischen Figur gemäß - für jeden Akt der Vergeltung unantastbar sein soll, wie ihn die Publizisten und Politiker des Westens fordern - allesamt „Taubblinde - aber leider nicht Stumme“.77 Im 1997 entstandenen Drama „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“ ist es eine Wandererzählerin, die dem identitätsstiftender Erzählungen bedürftigen Volk Ohr, Nase, Augen und Mund mit Speichel berührt:78 So werden nach dem Zeugnis des Markusevangeliums (Mk. 8, 23) Taubstumme und Blinde geheilt. Dass „[d]ieses ganze Land da [...], hingestreckt unter dem unverändert blauenden, unverändert leerbleibenden Himmel, [...] zu einem einzigen stummen, umso mehr aber verkörperten Gebet geworden“ sei,79 nähert Handkes Einlassungen einer politischen Devotionalprosa an, die ihn gelegentlich zum Kitschisten der postjugoslawischen Kriege werden lässt.

Die ‚Gerechtigkeit‘ des Erzählens will jedoch nicht als statisches Urteil, sondern als Prozess verstanden werden - als „eine Tätigkeit, ein Gerechtwerden“80 oder „Zu-bedenken-Geben“,81 das die Statik medialer Urteilsschemata unterläuft. Aus dieser Zielsetzung seiner Poetik erklärt sich nicht nur Handkes Anklage gegen den ‚westlich‘-journalistischen Diskurs, sondern auch seine Skepsis gegenüber der justiziellen Gerechtigkeitspraxis des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag, dessen Autorität er in den Jugoslawien-Prozessen bestritt. Gerade angesichts des information overload der Kriegsberichterstattung war jedoch für Handke „Serbien noch geheimnisvoller geworden. Nur wenige haben über Belgrad erzählt. Fernsehen und Zeitungen schreien nach Kanonen, Explosionen und verstümmelten Körpern. In Belgrad gibt es die nicht. Die Attraktion ist schwach, aber es gibt auch keine Verzweiflung. Die ist vergraben, und den Journalisten fehlt die Zeit, nach ihr zu suchen. Vielleicht ist das Aufgabe der Schriftsteller.“82 Als solche Aufmerksamkeit für das Unbeachtete hat ähnlich wie Handke auch Jean-François Lyotard die Gerechtigkeit bestimmt: „Gerecht ist, sich ausdrücklich für etwas empfänglich zu halten, was immer vergessen wird.“83 Das Gegenteil einer solchen Gerechtigkeit ist die terreur eines ‚unwidersprechlichen‘ medialen Monologs, den Handke in der (seiner Ansicht nach) ‚einstimmigen‘ Berichterstattung und Kommentierung der Informationsmedien wahrnahm: „[...] den anderen die Fähigkeit nehmen, auf diese Ausschließung zu antworten.“84 Dass Handkes Einschätzung der ‚westlichen‘ Massenmedien dabei so pauschalierend und einseitig geriet, wie er es ihrer Informations- und Meinungspolitik vorhielt, stellt den Preis für seine polemische Entgegensetzung von aktualistischer Medialität und literarischer Sensibilität dar.

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Indem Handke das Prinzip der poetischen Gerechtigkeit mit der Gegenwart der Jugoslawien-Kriege verknüpfte, ‚politisierte‘ sich sein poetisches Programm. Das diskursive ‚Abseits‘ seiner literarischen Beschreibungen wurde in einem geopolitischen Raum lokalisiert, dessen Wahl der öffentliche Diskurs als politische Parteinahme wertete. Vor allem an Handkes Aufwerfen der Schuldfrage und seiner Infragestellung von Täter- und Opferrollen entzündete sich die politische Diskussion: Dass die serbischen Gewalthandlungen in Bosnien durch die staatlichen Separationen Sloweniens, Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas ‚provoziert‘ worden seien („Wer nun war der Angreifer?“85), bildete einen Brennpunkt der Debatte. Der Fragemodus, in den Handke den Behauptungsgestus seiner Aussagen immer wieder zurücknimmt, gerät oft genug in die Nähe der Insinuation. Nicht zuletzt ist es die (von Jean Baudrillard forciert formulierte) Kritik der medialen ‚Simulakra‘, gegen die sein Erzählen - als Korrektiv einer ‚einseitigen‘ Medien-Repräsentation des Krieges - antritt: „Aber die Wirklichkeit, gibt’s die denn noch?“86 Handkes Reisebericht „Unter Tränen fragend“ endet mit einem bezeichnenden Satz, der die Repräsentation Serbiens in den Medien der „Westler“ im Ganzen als ‚Propaganda‘ denunziert: „Das Zeitalter der Informationen ist vorbei.“87
 

Nachdem Slobodan Milošević am 11. März 2006 im Gefängnis in Den Haag gestorben war, wurde er eine Woche später in seiner Heimatstadt Požarevac beerdigt (rund 50 Kilometer südöstlich von Belgrad). Das Bild zeigt Handke vor seiner Rede bei der Trauerfeier (Foto: AP/Petar Pavlovic).
 

Die Relevanz von Stellungnahmen im politisch-publizistischen Diskurs bemisst sich jedoch am Maßstab der ‚Information‘ (einer Größe, die schon für Walter Benjamin der ‚Erzählung‘ feindlich erschien88). Dass Handkes Reisebericht „kein einziges recherchiertes oder nur zitiertes Indiz auf noch nie berichtete Kriegsverbrechen der ‚anderen Seite‘, kein einziges neues Faktum“ enthielt, gehörte für Peter Schneider zu den entscheidenden Einwänden gegen seine „Parteinahme für die Serben“.89 Auf der anderen Seite ist es der Gestus ‚sokratischer‘ Unwissenheit und die Unkorrumpierbarkeit des Literaten hinsichtlich diskursiver wie politischer Macht, die Handke gegen die faktizistische Kompetenzbehauptung des öffentlichen Diskurses ins Feld geführt hat: „Vielleicht weiß ich zu Jugoslawien nichts, oder zu wenig. Aber ich weiß: Ich bin kompetent. [...] Weil mich die Macht nie fasziniert hat.“90 Dass Handke dennoch in Den Haag die Nähe des ehemals Mächtigen Milošević (oder auch diejenige des vom Haager Gericht verurteilten Novislav Djajić) gesucht hat, gehört schon zur Dynamik und Verschiebung im Streit der Diskurse, auf den sich Handke eingelassen hat.

4. Widerstreit und Absorption

Es ist ein vertiefter Welt- und Problemzugang der ‚Literaten‘, welcher die gesellschaftliche Aufmerksamkeit und die Nachfrage der Medien nach Stellungnahmen zu zeitgeschichtlichen Ereignissen motiviert: Es handelt sich dabei - in kulturgeschichtlicher Langzeitperspektive - um den Rest eines ‚Dichter‘-Bildes, das dem Schriftsteller einen privilegierten, ‚divinatorischen‘ Zugang zur ‚Wahrheit‘ zugetraut hat. Von dort rührt die Rollenerwartung, die Literaten als gesellschaftliches ‚Gewissen‘ sieht und die von politisch engagierten Autoren wie Günter Grass oder Hans Magnus Enzensberger bedient wird. Die Publikationsgeschichte von Handkes Anstoß gebendem Reisebericht macht jedoch bereits eine Differenz zwischen ‚politischen‘ und ‚poetischen‘ Diskursen deutlich, zwischen denen sich ein ‚Widerstreit‘ austrägt. Während Handkes „Winterliche Reise“ im Feuilleton einer Tageszeitung den (redaktionell festgelegten91) Obertitel „Gerechtigkeit für Serbien“ trug, hat die im gleichen Jahr erschienene Buchfassung im Suhrkamp-Verlag die Hierarchie von Ober- und Untertitel umgestellt („Eine winterliche Reise [...] oder Gerechtigkeit für Serbien“). Derselbe Text wurde so je nach Publikationsmedium auf verschiedene - politische oder poetische - Lesarten hin präpariert. Im publizistischen Raum aber erlangen die Äußerungen von Literaten eine provozierende und polarisierende Valenz, die der ‚Kunst‘ an ihren institutionellen Orten kaum mehr zukommt oder zugestanden wird. Dass Handkes Reisebericht bei seiner Lesereise meist positiv aufgenommen und seinem Stück „Die Fahrt im Einbaum“ bei der Premiere am Wiener Burgtheater trotz einer politisch gespaltenen Öffentlichkeit vom Publikum fast „einhellig“ applaudiert wurde,92 weist auf diese tendenziell neutralisierende Funktion der ‚Kunst‘ (und selbst ihrer pragmatischsten Form, des Theaters) ebenso hin wie die Ovationen, die Martin Walsers Friedenspreis-Rede in der Frankfurter Paulskirche zunächst zuteil geworden sind.

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Zwischen Handkes ‚poetischer‘ Position und seiner öffentlichen Positionierung scheint sich damit ein Widerspruch aufzutun: Einerseits bediente er sich der Medien politischer Publizität (einschließlich der serbischen Staatsmedien) und sorgte für seine mediale Präsenz, während er andererseits die Medien einer aggressiven Schelte unterzog („Giftschlammschmeißer“93). Einerseits erklärte er bei der Entgegennahme des Preises der Belgrader Buchmesse seine Solidarität mit dem „serbischen Volk“, reiste anlässlich der Nato-Bombardierungen nach Belgrad, ließ sich zum ‚serbischen Ritter‘ ernennen und kündigte die Rückgabe des 1973 erhaltenen Büchner-Preises an; der symbolische Bruch mit dem offiziellen Literaturbetrieb blieb freilich für seine Publikationstätigkeit ohne Folgen. Andererseits zog sich Handke vom Zeugenstand vor den Schranken des Haager Gerichts, in den er durch Miloševićs Verteidigung als „expert witness“ berufen worden war, an den neutralen Ort der Zeitschrift „Literaturen“ zurück: „Aber ich will nicht als Politiker reden.“94 „[A]lles, nur nicht als Partei auftreten.“95

Handkes Einlassungen zu den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien gingen jedoch von dem Versuch aus, mittels der literarischen Erzählung der zweiwertigen Logik von Pro und Kontra, Freund- und Feindschaft, Opfern und Tätern ein ‚Drittes‘ hinzuzufügen (tertium datur): „Mir fehlen die Dritten. So Leute wie ich.“96 In der Abgrenzung seiner ‚poetischen‘ von der politischen Rede, der harschen Kritik an der politisch-journalistischen Sprache der Informationsmedien, aber auch durch den Gestus der Unzuständigkeit gegenüber unmittelbar politischen und rechtlichen Fragen („Was soll ich dazu sagen?“97) hat Handke diese Distanz stets aufs Neue betont - und damit in eigener Sache den Abstand des sich im Grunde als ‚unpolitisch‘ verstehenden Literaten vom überlegen agierenden Intellektuellen zu wahren gesucht, der innerhalb des Feldes veröffentlichter Meinungen Stellung bezieht. Dass Enzensberger, wie Willi Winkler im Interview mit Handke bemerkte, „wie ein Politiker“ sprach, „die UÇK bewaffnen“ wollte und der Nato Ratschläge erteilte, stellte ihn für Handke auf eine dem eigenen ästhetischen Modus völlig abgewandte Seite: „Der weiß immer, wo’s langgeht [...].“98
 


 

Die von Handke angestrebte Position des ‚Dritten‘ sieht der zweiwertige politische Diskurs, der auf Entscheidungen abzielt, freilich nicht vor.99 Nimmt man Handkes Selbstverständnis beim Wort, so können seine Einlassungen auf die zeitgeschichtliche Wirklichkeit der kriegerischen Gewalt als Versuch interpretiert werden, die Paradoxien zwischen seinem ‚poetischen‘ und dem ‚politischen‘ Diskurs nicht zu lösen, sondern ihren Widerstreit durch sein eigenes Beispiel zu ‚bezeugen‘.100 Der Vorwurf, Handke halte seine Rollen als Literat und als politisch engagierter Bürger oder Intellektueller nicht auseinander und verwechsle die Diskurse,101 wird seinem Verständnis von Literatur und politischer Öffentlichkeit daher kaum gerecht. Dass Handke sein Programm der ‚poetischen‘ Zeugenschaft dem öffentlichen Diskurs auf riskante (und hinsichtlich der provozierten Kritik zugleich absehbare) Weise ausgesetzt hat, implizierte die Bereitschaft, sich im Sinne des öffentlich-politischen Diskurses ‚unmöglich‘ zu machen.
 

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Handke am Eingang des Gemeindehauses in Velika Hoča, Kosovo
(Ostern 2007, Foto: Dobrivoie Kerpenisan)
 

Handke mit Reportern im Innenhof der Kirche Heiliger Stefan in Velika Hoča. Ostern 2007 überreichte Handke dem Bürgermeister des Dorfes das Preisgeld, das er für den Berliner Heine-Preis erhalten hatte (Foto: Dobrivoie Kerpenisan).
 

Aber der Diskurszusammenhang, in den Handke sich irritierend eingeschaltet hat, setzte seine eigene Logik und Dynamik durch. Das zeigt sich auch daran, dass im öffentlichen Raum an die Stelle der ‚authentischen‘ Person (wie des Erzählers) die medial erzeugte Figur ‚Peter Handke‘ trat: Während man seine anstößigen Äußerungen immer wieder (und gelegentlich sogar verfälschend) in der Presse zitierte, wurden Handkes Selbstkorrekturen und Verurteilungen der Verbrecher des Krieges weithin ignoriert. Zu dieser Vereinnahmung durch den öffentlichen Diskurs gehört jedoch auch, dass Handkes eigenes Handeln dem fremdbestimmten Bild zunehmend entsprach („pro-serbisch ist für mich heute ein Ehrentitel“102) und der Ton der Auseinandersetzung sich verschärfte.103 Während er noch bei der Trauerrede für Milošević den Standpunkt des ‚unwissenden‘ Beobachters und Zeugen zu behaupten versuchte,104 setzte seine bloße Anwesenheit ein ‚eindeutiges‘ politisches Zeichen. Was Handkes ‚Fall‘ demnach nicht zuletzt vorführt, lässt sich als Paradoxie eines öffentlichen Diskurses beschreiben, der seine Alternative zugleich herausfordert und absorbiert, nach ihr verlangt und ihre Möglichkeit verschlägt.
 

In der serbischen Enklave Orahovac trifft Handke österreichische KFOR-Soldaten
(Ostern 2007, Foto: Dobrivoie Kerpenisan).
 

Anmerkungen: 


1 Peter Sloterdijk, Selbstversuch. Ein Gespräch mit Carlos Oliveira, München 1996, S. 144.

2 Botho Strauß, Anschwellender Bocksgesang, in: Heimo Schwilk/Ulrich Schacht (Hg.), Die selbstbewußte Nation. „Anschwellender Bocksgesang“ und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte, Frankfurt a.M. 1994, S. 19-40. Zu Walsers Friedenspreisrede vgl. u.a. Frank Schirrmacher (Hg.), Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation, Frankfurt a.M. 1999; Micha Brumlik/Hajo Funke/Lars Rensmann, Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik, Berlin 2000.

3 Vgl. Richard Herzinger, Flucht aus der Politik. Deutsche Intellektuelle nach Srebrenica, in: Merkur 50 (1996), S. 375-388, sowie Ulrich Greiner, Die Vorzüge des Elfenbeinturms. Über Literatur und Engagement heute, in: Merkur 51 (1997), S. 1093-1104.

4 Vgl. auch Dunja Melčić, Der Bankrott der kritischen Intellektuellen, in: Europa im Krieg. Die Debatte über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, Frankfurt a.M. 1992, S. 35-45, hier S. 36, die etwa den so genannten ‚Historikerstreit‘ oder die ‚Heidegger-Debatte‘ dazu rechnet. Jean Baudrillard hat in diesem Sinne die letztere ‚Debatte‘ als ‚Simulation‘ bezeichnet (ebd.). Dass der die „Debatte“ über die Jugoslawienkriege dokumentierende Band als Beiträge deutschsprachiger Schriftsteller lediglich Essays von Handke, Enzensberger und Herta Müller enthält, bestätigt den Befund.

5 Melčić, Der Bankrott (Anm. 4).

6 Vgl. dazu Lothar Baier, Die Lieben und die Bösen, in: Europa im Krieg (Anm. 4), S. 58-65, hier S. 58f.

7 Jürgen Habermas, Die neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt a.M. 1985.

8 Juli Zeh, Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien, Frankfurt a.M. 2002, S. 60f.

9 Bereits Thomas Carlyle hat in seiner Geschichte der Französischen Revolution vom „ever-fluctuating chaos of the Actual“ gesprochen (Carlyle, The French Revolution. A History [1837], hg. von Kenneth J. Fielding und David Sorensen, Oxford 1989, S. 12).

10 Vgl. dazu Dušan Reljić, Killing screens. Medien in Zeiten von Konflikten, Düsseldorf 1998, S. 16-19.

11 Hans Magnus Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, Frankfurt a.M. 1996, S. 20.

12 Ebd., S. 19.

13 Ebd., S. 35.

14 Ebd., S. 24f.

15 Vgl. ebd., S. 86.

16 Ebd., S. 85.

17 Ebd., S. 90f. In einem anderen Beitrag zitiert Enzensberger die Unterhaltung mit einem Dramatiker aus Kampala/Uganda: „Ich habe gehört, daß die Europäer sich Vorwürfe machen, weil sie auf dem Balkan nicht intervenieren wollen. [...] Lassen Sie die Finger davon! Es gibt nur eines, das einen Bürgerkrieg beenden kann. Das ist die Erschöpfung.“ (Hans Magnus Enzensberger, Bosnien, Uganda. Eine afrikanische Ansichtskarte, in: Europa im Krieg [Anm. 4], S. 85-90, hier S. 89f.)

18 Seyla Benhabib, Eine Träne im Ozean. Vom ‚Praxis‘-Sozialismus zum serbischen Nationalismus, in: Europa im Krieg (Anm. 4), S. 146-157, hier S. 153.

19 Klaus Naumann, Das nervöse Jahrzehnt. Krieg, Medien und Erinnerung am Beginn der Berliner Republik, in: Mittelweg 36 10 (2001) H. 3, S. 25-44.

20 Herzinger, Flucht aus der Politik (Anm. 3), S. 378.

21 Ebd., S. 375f.

22 Peter Schneider, „Ich kann über Leichen gehen, ihr könnt es nicht“. Die Menschenrechte brauchen verlässliche Fürsprecher, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.5.1999, S. 52, wieder abgedruckt in: Frank Schirrmacher (Hg.), Der westliche Kreuzzug. 41 Positionen zum Kosovo-Krieg, Stuttgart 1999, S. 226-233, hier S. 232f. Dieselbe Beobachtung hatte zuvor schon die Grünen-Politikerin Krista Sager in der tageszeitung vom 14.9.1995 im Zusammenhang der Diskussion um Tornado-Einsätze der Bundeswehr formuliert; vgl. Michael Schwab-Trapp, Der deutsche Diskurs über den Jugoslawienkrieg. Skizzen zur Karriere eines moralischen Dilemmas, in: Adi Grewenig/Margret Jäger (Hg.), Medien in Konflikten. Holocaust - Krieg - Ausgrenzung, Duisburg 2000, S. 97-110, hier S. 104.

23 Vgl. dazu auch den Band: Niels Beckenbach (Hg.), Wege zur Bürgergesellschaft. Gewalt und Zivilisation in Deutschland Mitte des 20. Jahrhunderts, Berlin 2005.

24 Vgl. dazu z.B. Bodo Kirchhoffs Reisebericht „Herrenmenschlichkeit“, der den Somalia-Einsatz der Bundeswehr in eine postkoloniale Perspektive rückt (Bodo Kirchhoff, Herrenmenschlichkeit, Frankfurt a.M. 1994). Dass Peter Handke im Blick auf die Rechtfertigung des Nato-Kriegs im Kosovo von „Humanitäts-Hyänen“ gesprochen hat, steigerte den bei Kirchhoff formulierten Vorbehalt zum Verdikt.

25 Peter Schneider, Der Ritt über den Balkan. Peter Schneider gegen die Parteinahme Peter Handkes für die Serben, in: Spiegel, 15.1.1996, S. 163ff., hier S. 164f.

26 Hans Magnus Enzensberger, Ein seltsamer Krieg. Zehn Auffälligkeiten, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.4.1999, S. 49, wieder abgedruckt in: Schirrmacher, Der westliche Kreuzzug (Anm. 22), S. 28.

27 Frank Schirrmacher im Vorwort zu dem von ihm herausgegebenen Band Der westliche Kreuzzug (Anm. 22).

28 Vgl. Michael Schwab-Trapp, Der deutsche Diskurs über den Jugoslawienkrieg (Anm. 22). Es gehört zur Logik dieser politisch-historischen Argumentation, dass die erstere gegenüber der letzteren Forderung als ethisch stärker angesehen wurde: Ein ‚neues Auschwitz’ zu verhindern wog mehr als die Vermeidung eines neuen Krieges. Siehe auch Michael Schwab-Trapp, Kriegsdiskurse. Die politische Kultur des Krieges im Wandel 1991-1999, Opladen 2002.

29 Zit. nach Schwab-Trapp, Der deutsche Diskurs über den Jugoslawienkrieg (Anm. 22), S. 102. Verteidigungsminister Rudolf Scharping vertrat in der Parlamentsdebatte vom 30.6.1995 dasselbe Argument; vgl. ebd., S. 101.

30 Herta Müller, Die Entfesselung der Perversion, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.5.1999, S. 51, wieder abgedruckt in: Schirrmacher, Der westliche Kreuzzug (Anm. 22), S. 137-144, hier S. 142.

31 Schneider, „Ich kann über Leichen gehen, ihr könnt es nicht“ (Anm. 22), S. 227.

32 Peter Handke, Moral ist ein anderes Wort für Willkür. Der Schriftsteller Peter Handke über die Nato-Bomben auf Serbien und die Frage, warum Amerika umerzogen werden muß, in: Süddeutsche Zeitung, 15.5.1999, S. 18 (Interview).

33 Ders., Rund um das große Tribunal, Frankfurt a.M. 2003, S. 33.

34 Peter Handke in der Richtigstellung einer früheren Interview-Äußerung, in der er den Nato-Krieg als „schlimmstes Verbrechen in diesem Jahrhundert“ bezeichnet hatte; zit. nach: Jungle World, 17.3.1999 bzw. 24.3.1999, online unter URL: http://jungle-world.com/artikel/1999/11/31486.html bzw. http://jungle-world.com/artikel/1999/12/31426.html.

35 Peter Handke, Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise, in: ders., Abschied des Träumers vom Neunten Land, Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien, Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise, Frankfurt a.M. 1998, S. 163-250, hier S. 241.

36 Die Perversion der Scham. Alain Finkielkraut antwortet auf die Jugoslawien-Texte von Peter Handke, in: Süddeutsche Zeitung, 7.11.1996, S. 18.

37 Vgl. die Pressemitteilung der „Gesellschaft für bedrohte Völker“, 31.5.2006: Kein Heine-Preis für Handke. Erleichterung über die Entscheidung des Düsseldorfer Stadtrates. „Intellektuelle Unterstützung von Völkermord darf nicht belohnt werden“, online unter URL: https://www.gfbv.de/de/news/erleichterung-ueber-entscheidung-des-duesseldorfer-stadtrates-brintellektuelle-unterstuetzung-von/.

38 Vgl. Peter Jamin, Der Handke-Skandal. Wie die Debatte um den Heinrich-Heine-Preis unsere Kultur-Gesellschaft entblößte, Remscheid 2006. Die Jury, welche die Literaturkritikerin Sigrid Löffler und der Pariser Germanist und Romanist Jean-Pierre Lefebvre auf die ‚Hetzkampagne‘ gegen Handke hin verließen, hatte in der Begründung der Preisvergabe formuliert: „Eigensinnig wie Heinrich Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit. Den poetischen Blick auf die Welt setzt er rücksichtslos gegen die veröffentlichte Meinung und deren Rituale.“ (Ebd., Cover und S. 10.)

39 Gefährlicher Handke. Jürg Laederach verlässt Suhrkamp, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.2.1996, S. 31.

40 Gustav Seibt, Wahn von Krieg und Blut und Boden. Zu Peter Handkes beunruhigendem Reisebericht, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.1.1996, S. 27.

41 Peter Handke, Phantasien der Wiederholung, Frankfurt a.M. 1983, S. 99.

42 Michael Scharang, Kriegsschauplatz Handke, in: ZEIT, 15.4.1999, S. 49f., hier S. 49.

43 Vgl. Ulrich Holbein, Dichterpriester und Hordenclown, in: Text+Kritik 24 (1999): Peter Handke, S. 110.

44 Vgl. Martina Wagner-Egelhaaf, Art. „Peter Handke“, in: Bernd Lutz/Benedikt Jeßing (Hg.), Metzler Autoren Lexikon. Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 3., aktualisierte und erweiterte Aufl. Stuttgart 2004, S. 268ff., hier S. 269.

45 Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht, 3. Aufl. Frankfurt a.M. 1995, S. 734.

46 Ders., Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms, Frankfurt a.M. 1972, S. 19-28. Das Aufsatzmanuskript datiert bereits aus dem Jahr 1967.

47 Ders., Mein Jahr in der Niemandsbucht (Anm. 45), S. 734.

48 Ders., Kindergeschichte [1981], Frankfurt a.M. 2002, S. 20.

49 Ders., Kleine Chronik des Märchens eines Lebens (an Hand der Gedichte von Nicolas Born), in: ders., Langsam im Schatten. Gesammelte Verzettelungen 1980-1992, Frankfurt a.M. 1992, Tb.-Ausg. 1995, S. 35-48, hier S. 40.

50 Ders., Versuch über die Jukebox, Frankfurt a.M. 1990, Tb.-Ausg. 1993, S. 27.

51 Ebd.

52 Ders., Die Wiederholung, Frankfurt a.M. 1986, Tb.-Ausg. 1999, S. 321.

53 Peter Handke im Interview mit der Zeitschrift profil vom 18.3.1996, wieder abgedruckt in: Thomas Deichmann (Hg.), Noch einmal für Jugoslawien: Peter Handke, Frankfurt a.M. 1999, S. 155.

54 Handke, Rund um das große Tribunal (Anm. 33), S. 69.

55 Ders., Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien, 3. Aufl. Frankfurt a.M. 1996, S. 12.

56 Tilman Zülch, Sprechen Sie endlich mit den Opfern von Großserbien, Herr Handke!, in: ders. (Hg.), Die Angst des Dichters vor der Wirklichkeit. 16 Antworten auf Peter Handkes Winterreise nach Serbien, Göttingen 1996, S. 11. Eine kroatische Übersetzung dieses Buches erschien 1997.

57 Diesen Text eines Flugblattes zitiert Elisabeth von Thadden, Auch eine Art Publikumsbeschimpfung. Wie Peter Handke in Frankfurt seinen Serbien-Text der Kritik entzog, in: Wochenpost Nr. 10/1996, wieder abgedruckt in: Zülch, Die Angst des Dichters vor der Wirklichkeit (Anm. 56), S. 103ff.

58 Handke, Eine winterliche Reise (Anm. 55), S. 12.

59 Auf Ezra Pound (und Carl Schmitt) hat Botho Strauß hingewiesen: Botho Strauß, Was bleibt von Handke? Über Schuld und Größe der Dichter, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.6.2006, S. 36. Strauß verteidigt Handke mit elitärem Ernst-Jünger-Pathos: „Einige andere aber müssen in der Höhe sich härter ausbilden und werden selbst aus einer Verrannt- oder Verstiegenheit heraus mehr Gutes unter die Menschen bringen als je tausend Richtige zusammen.“

60 Jean-Paul Sartre, Qu’est-ce que la littérature? [1948], Paris 1993, S. 71. Zu diesem Zusammenhang vgl. auch Astrid Arndt, Ungeheure Größen: Malaparte - Céline - Benn. Wertungsprobleme in der deutschen, französischen und italienischen Literaturkritik, Tübingen 2005, insbes. S. 14ff.

61 Gebt uns den Traum von der Gerechtigkeit zurück! Literatur und Ideologie sind Todfeinde: Dzevad Karahasan über Peter Handke, Slobodan Milošević und seinen neuen Roman, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.3.2006, S. 31.

62 Régis Debray, I.F. Suite et Fin, Paris 2001.

63 Vgl. auch das Interview von Ulrich Greiner mit Botho Strauß: Am Rand. Wo sonst, in: ZEIT, 31.5.2000, S. 55f.

64 Handke, Versuch über die Jukebox (Anm. 50), S. 70.

65 Ders., Noch einmal für Thukydides, Salzburg 1990, ergänzte Ausg. 1995.

66 Ders., Eine winterliche Reise (Anm. 55), S. 71. Vgl. ders., Unter Tränen fragend. Nachträgliche Aufzeichnungen von zwei Jugoslawien-Durchquerungen im Krieg, März und April 1999, Frankfurt a.M. 2000, S. 116: „möglichst genau hinschauen, behalten, bezeugen!“

67 Vgl. Handkes Rede von der selbstverständlichen „serbische[n] Toleranz“, die den Begriff gar nicht nötig habe (Handke, Unter Tränen fragend [Anm. 66], S. 69), sowie sein Bekenntnis, „daß Jugoslawien mir das wirklichste Land in Europa bedeutete“ (ders., Abschied des Träumers [Anm. 35], S. 27).

68 Ders., Unter Tränen fragend (Anm. 66), S. 30.

69 Ders., Eine winterliche Reise (Anm. 55), S. 71.

70 Ebd., S. 88 (kursiv im Original).

71 Vgl. dazu Joseph Hanimann, Vom Schweren. Ein geheimes Thema der Moderne, München 1999.

72 Handke, Unter Tränen fragend (Anm. 66), S. 44.

73 Ders., Die Wiederholung (Anm. 52), S. 333.

74 Ders., Noch einmal vom Neunten Land. Peter Handke im Gespräch mit Jože Horvat, Klagenfurt 1993, S. 46. Vgl. Lk. 7, 6f.

75 Ders., Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg, Frankfurt a.M. 1999, S. 92.

76 Ders., Eine winterliche Reise (Anm. 55), S. 37.

77 Ders., Die Fahrt im Einbaum (Anm. 75), S. 94.

78 Ders., Zurüstungen für die Unsterblichkeit. Ein Königsdrama, Frankfurt a.M. 1997, S. 49.

79 Ders., Unter Tränen fragend (Anm. 66), S. 29f.

80 Ders., Nachmittag eines Schriftstellers [1987], Frankfurt a.M. 1989, S. 75.

81 Ders., Eine winterliche Reise (Anm. 55), S. 124. Vgl. auch Handkes Betonung der Unabschließbarkeit dieses Prozesses in den Phantasien der Wiederholung: „Sag nie: ‚Sei gerecht!‘, sondern: ‚Werde gerecht!‘ Es ist immer ein Werden - ein Aufschwung -, sich gerecht zu verhalten; ein Aufraffen“ (Handke, Phantasien der Wiederholung [Anm. 41], S. 18).

82 Peter Handke im Gespräch mit Maurizio Chierici, in: Chierici/Handke, Ich bin der „Terrorist“ für den Frieden, in: Deichmann, Noch einmal für Jugoslawien (Anm. 53), S. 125-131, hier S. 129 (zuerst in italienischer Sprache abgedruckt in: Corriere della Sera, 15.3.1996).

83 Das Undarstellbare - wider das Vergessen. Ein Gespräch zwischen Jean-François Lyotard und Christine Pries, in: Christine Pries (Hg.), Das Erhabene. Zwischen Grenzerfahrung und Größenwahn, Weinheim 1989, S. 319-347, hier S. 327.

84 Jean-François Lyotard, Postmoderne Moralitäten, hg. von Peter Engelmann, Wien 1998, S. 181f.

85 Handke, Eine winterliche Reise (Anm. 55), S. 39.

86 Ders., Rund um das große Tribunal (Anm. 33), S. 21, S. 69; vgl. auch ebd., S. 12f.

87 Ders., Unter Tränen fragend (Anm. 66), S. 157 bzw. S. 158.

88 Vgl. Walter Benjamin, Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows [1936], in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. II.1, hg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt a.M. 1977, S. 438-465, hier S. 444f.

89 Schneider, Der Ritt über den Balkan (Anm. 25), S. 163.

90 Handke, Moral ist ein anderes Wort für Willkür (Anm. 32).

91 Vgl. Deichmann, Noch einmal für Jugoslawien (Anm. 53), S. 16.

92 Vgl. Gerhard Scheit, Ein Volksstück. Über Handkes Fahrt nach Serbien und Peymanns Fahrt nach Berlin, in: konkret Nr. 7/1999, S. 46f., hier S. 47. Elisabeth von Thadden wies darauf hin, dass Handke den Text seiner „Winterlichen Reise“ für die Lesungen geglättet und anstößige Passagen ausgespart habe (Thadden, Auch eine Art Publikumsbeschimpfung [Anm. 57]).

93 Handke, Unter Tränen fragend (Anm. 66), S. 58.

94 Handke, Moral ist ein anderes Wort für Willkür (Anm. 32).

95 Ders., Die Tablas vom Daimiel. Ein Umwegzeugenbericht zum Prozeß gegen Slobodan Milošević, in: Literaturen Nr. 7-8/2005, S. 84-103, hier S. 87. Auch dieser Text ist bei Suhrkamp unter gleichem Titel in Buchform erschienen (Frankfurt a.M. 2006).

96 „Nackter, blinder, blöder Wahnsinn“. Peter Handke im Gespräch mit Wolfgang Reiter und Christian Seiler, in: Deichmann, Noch einmal für Jugoslawien (Anm. 53), S. 147-156, hier S. 153.

97 So Handke zweimal im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: Moral ist ein anderes Wort für Willkür (Anm. 32).

98 Ebd. Handke fuhr fort, Enzensberger sei „ein grinsender höhnischer Zuschauer, der menschgewordene Hohn“.

99 „Nicht am Platz zu sein“ bezeichnet Handke als seine „vorherrschende Vorstellung“ nach der Rückkehr nach Frankreich im April 1999 (Handke, Unter Tränen fragend [Anm. 66], S. 81).

100 Vgl. Jean-François Lyotard, Le Différend, Paris 1983.

101 Vgl. etwa Christoph Parry, Zeitgeschichte im Roman. Der Schriftsteller und die Zeitgeschichte. Peter Handke und Jugoslawien, in: Edgar Platen (Hg.), Erinnerte und erfundene Erfahrung. Zur Darstellung von Zeitgeschichte in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, München 2000, S. 116-129, hier S. 117.

102 Handke, Moral ist ein anderes Wort für Willkür (Anm. 32).

103 Ein öffentliches Gespräch mit Tilman Zülch im Frankfurter Schauspielhaus brach Handke bereits nach dessen Eingangsstatement mit den Worten ab: „Zülch, du Arschloch, das Gespräch ist beendet.“ (Pressemitteilung der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ [Anm. 37].)

104 „Die sogenannte Welt weiß die Wahrheit. Deswegen ist die sogenannte Welt heute abwesend [...]. Ich weiß, daß ich nicht weiß. Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle [...]. Ich frage. Deswegen bin ich heute anwesend.“ Peter Handke, Ich wollte Zeuge sein. Die Motive meiner Reise nach Požarevac, Serbien - an Miloševićs Grab, in: Focus, 27.3.2006, S. 70/72.

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